Netzbetreiber vs. Trassengegner: Die Strippenzieher kommen

Netzbetreiber vs. Trassengegner
Die Strippenzieher kommen

Die Deutschen wollen die Energiewende – aber keine Leitungstrasse vor der eigenen Tür. Wie heute in Fulda formieren sich Hunderte Bürgerinitiativen. Hoffnungen machen ihnen die Aussagen eines Mannes – wenn auch falsche.
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DüsseldorfGuntram Ziepel wünscht sich die Energiewende, er vertraut auf Technik und Wissenschaft – und er glaubt, gute Argumente zu besitzen, warum ein Puzzlestück der Energiewende falsch gesetzt wurde. Die Trasse SuedLink soll Windstrom von der Nordseeküste in den Süden bringen, wo mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Ziepel hält es jedoch für unnötig, quer durch die Republik neue Strippen zu ziehen. Deshalb kämpft er gegen das Milliarden-Bauprojekt.

Seit Januar ist Guntram Ziepel aus Fulda der erste Vorsitzende des „Bundesverbands der Bürgerinitiativen gegen SuedLink“. Mit seinem Engagement ist der nicht alleine. Die rund 800 Kilometer lange Leitungstrasse führt von Schleswig-Holstein über Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen nach Bayern – entlang des Korridors haben sich Hunderte Bürgerinitiativen gegründet. Ziepel will deren Interessen, ihr Fachwissen bündeln. Helfen soll ein erster „Konvent der Bürgerinitiativen gegen SuedLink“ an diesem Samstag in Fulda. Erwartet werden etwa 400 Teilnehmer und Vertreter aus der Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft.

„Es ist nicht zu spät, wir können die Dinge noch gestalten“, sagt Ziepel. Das Problem: Es gibt viele Interessen, Probleme und Sorgen – auch ganz private –, die in Initiativen münden. Verliert mein Grundstück an Wert? Wie weit entfernt stehen die 75 Meter hohen Strommasten? Sind Flora und Fauna in Gefahr? Bin ich gegen die Trasse, weil ich eigentlich den Atomaussieg für falsch halte? Wegen der Vielfalt der Fragen ist es für Ziepel wichtig, ein übergeordnetes Ziel zu formulieren. Sein Wunsch: „An der Energiewende für Europa mitwirken.“

In den Plänen für die deutsche Energiewende ist SuedLink ein fester Bestandteil. Die Trasse von Betreiber Tennet soll helfen, ein Grundproblem der Stromversorgung mit Erneuerbaren Energien zu lösen: Wie kommt der Strom, der in den Windparks im Norden gewonnen wird, in den Süden? Die Politik hat vier Netzbetreibern – 50Hertz sowie Amprion, Tennet und TransnetBW – grünes Licht für Planung, Bau und Betrieb von drei neuen Höchstspannungsleitungen gegeben.

Derzeit hält die Bundesnetzagentur von den vorgeschlagenen 92 Maßnahmen zum Neu- und Ausbau im deutschen Höchstspannungsnetz 63 für erforderlich. In den kommenden zehn Jahren sollen 2800 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen gebaut und 2900 Kilometer im bestehenden Netz optimiert werden. Als Kosten werden mindestens 22 Milliarden Euro veranschlagt – ohne Erdkabel, die die Kosten deutlich in die Höhe treiben würden.

Der niederländische Stromnetzbetreiber Tennet will in den kommenden zehn Jahren 20 Milliarden Euro in neue Infrastruktur investieren. Ein Teil davon solle ins Deutschland-Geschäft fließen, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Zudem drängt die Konzernführung Bund und Länder zu mehr Tempo beim Ausbau von Stromtrassen.

Im kommenden Jahr soll der Bau von SuedLink beginnen. Zuvor muss Tennet jedoch noch einmal seine Pläne konkretisieren. Die Bundesnetzagentur hat den ersten Antrag zur Überarbeitung zurückgeschickt. Auf Handelsblatt-Anfrage teilte Tennet mit: „Wenn 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, soll SuedLink stehen, um Engpässe auszugleichen. Wir haben im vergangenen Dezember den Antrag für das erste Genehmigungsverfahren eingereicht und bearbeiten jetzt die Rückmeldung der Behörde, um den Antrag zu ergänzen. Wir gehen davon aus, dass die Bundesnetzagentur nach Abschluss der Untersuchungen das Verfahren zügig fortführt.“

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  • „....er vertraut auf Technik und Wissenschaft...“
    Auf welche „Technik“ vertraut er, auf die der vorindustrieellen Windmühle? Auf die Wissenschaft der Wetterkunde? Ist ihm noch nicht aufgefallen, daß diese „Energieerzeuger“ witterungsbedingt arbeiten und nur dann liefern können, wenn „ihre“ Arbeitsgrundlagen vorherrschen? Diese „Energie“ kann nie nachfragebedingt geliefert werden, sondern nur angebotsbedingt. Und nun will man die „Energie“, die an den norddeutschen Küsten an max. 3000 Std im Jahr zufällig „produziert“ wird mit einem Riesenaufwand nach Süden transportieren. Auf solche Ideen kommen nur die, nicht die geringste Ahnung von einer zuverlässigen Stromversorgung haben und nicht wissen, wie ein Drehstromstromnetz funktioniert. Diese vollständig überflüssigen Stromtrassen, die parallel zum bestehenden und sehr gut funktionierenden Verteilnetz aufgebaut werden sollen, sind etwa 17% im Jahr stromführend, also ausgelastet. Wer kommt auf den Gedanken, mit solch unsinnigen Leitung Bayern und Baden-Württemberg zuverlässig mit Strom zu versorgen? Es geht bei diesen Trassen nur darum überflüssigen Strom aus dem Norden, den unsere Nachbarländer nicht mehr wollen, in den Süden der Republik abzuleiten und wer bezahlt diesen politisch verursachten Unfug? Am Ende wieder der Stromkunde über den schon jetzt astronomischen Preis/kWh. Strom muß dort produziert und eingespeist werden, wo er gebraucht wird, damit Verluste nicht zu hoch werden und das Netz regelbar bleibt, nur verbrauchsnahe Regelkraftwerke können Leistungstäler und Leistungsspitzen ausgleichen.
    Derartige Energierversorgungskatastrophen kommen heraus, wenn man die Energiepolitik Diplomkindergärtnern, Philosophen, Pastoren, Soziologen und Deutschlehrern als Mitglieder einer Ethikkommission überläßt, die glauben auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten.

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