Neue Arbeitsmarkt-Zahlen
Job-Boom in Deutschland geht an Arbeitslosen vorbei

Die Marke der 42 Millionen Erwerbstätigen ist geknackt, der deutsche Arbeitsmarkt brummt. Dies ist vor allem den Personen zu verdanken, die neu ins Land kommen. arbeitslose profitieren hingegen wenig vom Jobaufbau.
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BerlinTrotz Beschäftigungsrekord und anziehender Konjunktur steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Sie kletterte im November um 5000 auf 2,806 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg am Donnerstag mitteilte. Zugleich waren im Oktober rund 42,2 Millionen Männer und Frauen in Lohn und Brot. Dies ist ein neuer Beschäftigungsrekord. Hiervon profitieren vor allem Frauen und Zuwanderer, viele Arbeitslose wegen mangelnder Qualifikation jedoch weniger. "Die Profile der Arbeitslosen passen nicht zu den angebotenen Arbeitsplätzen", sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise. Für diese Menschen sei es sehr schwer, eine Stelle zu finden.

Denn knapp jeder zweite Arbeitslose komme derzeit nur für eine eher unqualifizierte Helfertätigkeit in Frage. Unter den Beschäftigten sei aber nur jeder Siebte ein Helfer, ergänzte Weise. Zudem sei bei neun von zehn Arbeitnehmern eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium Voraussetzung für den Job. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, der neue Koalitionsvertrag von Union und SPD "enthält eine Fülle neuer Impulse für den Abbau der verbliebenen Langzeitarbeitslosigkeit". Angepeilt ist etwa, junge und ältere Menschen besser zu qualifizieren und junge Leute ohne Berufsabschluss zu fördern.

Der Arbeitgeberverband BDA kritisierte hingegen die Regierungspläne: "Ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro würde gerade für junge Menschen ohne Berufserfahrung und Geringqualifizierte eine Hürde am Arbeitsmarkt sein." BA-Chef Weise sagte, die Einführung des flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohns ohne Ausnahmen ab 2017 berge Chancen und Risiken. Wichtig sei, dass es vor allem in Ostdeutschland bis dahin Anpassungen geben. "Das muss vernünftig stattfinden", mahnte Weise. Sonst drohten Jobverluste.

Darauf weist auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hin. Der Verband hält Ausnahmeregelungen bei der Mindestlohn-Vereinbarung von Union und SPD für unabdingbar. „Insbesondere für die ostdeutschen Bundesländer gibt es Einstiegslohngruppen in einigen Branchen, die noch unter der Marke von 8,50 Euro liegen. Für diese Branchen ist ein möglichst langer Übergangszeitraum unverzichtbar, um sowohl in den anstehenden Tarifverhandlungen die erforderlichen schrittweisen Anpassungen vorzunehmen, als auch um die steigenden Lohn- und Arbeitskosten sukzessive am Markt erwirtschaften zu können“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke Handelsblatt Online. Das Handwerk erwarte daher, dass die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes „flexibel und unter Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse der betroffenen Branchen erfolgen wird“.

Kritisch sieht Schwannecke zudem, dass Union und SPD Fragen zu den Auswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohnes auf die Ausbildung und Beschäftigung Jugendlicher bisher nicht beantworten hätten. „Die zahlreichen Ausbildungstarifverträge haben hier eine besondere Bedeutung“, betonte er. Dessen ungeachtet wies er darauf hin, dass das Handwerk gute Erfahrungen mit Mindestlöhnen gemacht habe, vor allem deshalb, weil die Sozialpartner für die Festlegung verantwortlich gewesen seien. „Daher ist der Tarifvorrang für das Handwerk von zentraler Bedeutung.“

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Grüne kritisieren Mindestlohn-"Mogelpackung"

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  • Falsche Perzeption, mein Lieber. Nämlich:

    "Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland hat im Oktober einen Rekordstand erreicht. Sie erhöhte sich im Vergleich zum Vorjahresmonat um 252.000 oder 0,6 Prozent auf rund 42,2 Millionen, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit."

    Das bedeutet konkret 252000 Leute, die mehr arbeiten wie im Jahr zuvor, aber es gab gleichzeitig 555000 Leute, die nach D kamen, um Arbeit zu suchen.

    Somit ist die Zuwanderung höher als die Aktivierung und ergibt sich hieraus ein Negativsaldo zu Lasten der Leute, die Arbeit suchen.

    Unter dem Strich wahrscheinlich mit einem GLEICHZEITIGEN ANSTIEG von Empfängern von sozialen Leistungen - oder wie sollten sich denn dann die anderen Migranten, die keine Arbeit gefunden haben über Wasser halten?

  • Das stimmt doch nicht, dass weniger nach kommen.

    Es ziehen doch jetzt viele nach Deutschland, um dort gegen Hungerlöhne zu arbeiten, während die Arbeitsplätze durch Lohndumping im europäischen Ausland flöten gehen.

    [...]

    Immer billiger und immer weniger Lohn, wobei dies nun verschleppt wird in die anderen Länder.

    Ein Effekt der Fall der Mauer, wobei Europa nur blöd zuschaut und keinerlei Regularisierung vornimmt, um die Entwicklung abzufedern, weil ja sonst "Unternehmeropportunitäten" flöten gehen könnten.

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.
    Daran sieht man, dass es ohne Europa wesentlich besser gehen würde. Anstatt dieses zuerst in Angriff zu nehmen, macht man dann lieber direkt ein weiteres Freihandelsabkommen, um noch mehr zu destabilisieren.

    Tja, die Gier ruht nicht.

  • Wenn jemand zwei Teilzeitstellen hat - wird die Person dann doppelt gezählt?

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