Neue Biografie
Merkel: „Verdienst kommt von dienen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel ärgert sich über Kritik. Bei der Vorstellung eines neuen Merkel-Bildbandes fordert sie einen größeren Beitrag der Manager zur Krisenbewältigung. In dem Bildband, den CDU-Vize Wulff nun in Berlin vorstellte, fehlen denn auch Fotos von Managern.

BERLIN. Claudia Schiffer findet, dass „Frau Merkel gut aussieht“. Reinhold Messner freut sich, dass die Kanzlerin „im richtigen Moment auch schweigen kann“. Selbst der ewige Kritiker Marcel Reich-Ranicki würdigt die Regierungschefin als „Repräsentantin der Vernunft.“

Nachzulesen ist all das in dem neuesten Buch über Angela Merkel, einem opulenten Bildband, den Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) jetzt in Berlin vorstellte. Zu sehen ist die erste deutsche Kanzlerin in dem Buch mit Königinnen, Künstlern, Kindern und natürlich auch mit ganz normalen Leuten. Nur eine Gruppe fehlt in dem bunten Bilderreigen der Macht: die Manager. Obwohl es spätestens seit Ausbruch der Krise hunderte von Fotos gibt, die Merkel mit den Mächtigen der Wirtschaft zeigen, widmeten die Autoren des Bildbandes lieber den längst entzauberten „Sommermärchen-Helden“ des deutschen Fußballs ein eigenes Kapitel als den Unternehmensführern und der Kanzlerin.

Alles nur Zufall? Gewiss, aber es passt doch ins Bild einer problembeladenen Partnerschaft. Die Beziehungen zwischen Merkel und einigen Spitzenvertretern der Wirtschaft haben sich im Verlauf der letzten Monate spürbar abgekühlt. Mit großem Missfallen nimmt die Kanzlerin beispielsweise zur Kenntnis, dass vor allem in der Bankenwelt „kaum selbstkritische Töne in Bezug auf die Krise zu hören sind“, wie ein Regierungsberater moniert. Dafür „steigen in den Chefetagen schon wieder Selbstgerechtigkeit und Empfindlichkeit“.

Das Beharren von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf seinem Renditeziel von 25 Prozent zählt ebenso dazu wie die Chuzpe, mit der geschasste Top-Manager wie der ehemalige Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke oder Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn auf der vollen Auszahlung ihrer Millionengehälter beharren. Auch die öffentliche Rüge von BDI-Präsident Hans-Peter Keitel für die geplante Verschärfung der Managerhaftung ist im Kanzleramt mit Befremden aufgenommen worden. Keitel hatte von „untauglichem Populismus“ gesprochen, der „die ganze Verzweiflung der Politik“ widerspiegele. Überhaupt scheint es bei einigen Wirtschaftsvertretern wieder in Mode zu kommen, der Politik öffentlich Ratschläge zu erteilen oder ihr Warnungen mit auf den Weg zu geben.

Diese Art des Umgangs kommt bei der Kanzlerin inzwischen ganz schlecht an. Über die Verursacher und Verantwortlichen der Krise werde in der Wirtschaft am liebsten geschwiegen, heißt es bedauernd im Kanzleramt. Stille herrsche leider auch, wenn eine Antwort auf die Frage gesucht werde, wie man aus dem Konjunkturtal wieder herausfinden könne. Dafür würden manche Manager umso redseliger, wenn es darum gehe, Politiker zu kritisieren oder Anträge auf Staatshilfen zu begründen.

Obwohl Merkel eine Art Tafelrunde mit einigen Wirtschaftsvertretern ihres Vertrauens geschaffen hat, um den direkten Austausch zu pflegen, fühlt sich die Kanzlerin in der Krise doch zunehmend alleine gelassen. „Der Staat kann es nicht alleine schaffen“, mahnte sie denn auch bei der Festveranstaltung „60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall“. Notwendig sei „eine nationale Kraftanstrengung“, bei der „alle gefragt sind, jeder an seinem Platz.“

Es gelte, „aus Fehlern zu lernen, Bescheidenheit zu üben und Verantwortung wahrzunehmen.“ Die „risikoversessene Zockerwirtschaft“, bei der „verantwortungslose Einzelne gewaltige Werte vernichtet haben“, steht bei der früheren DDR-Bürgerin Merkel inzwischen auf der gleichen niedrigen Stufe wie die Planwirtschaft.

Und damit auch jeder versteht, wem ihre Worte ganz besonders gelten, mahnte Merkel explizit die Mithilfe der Wirtschaft bei der Krisenbewältigung an: „Ich erwarte von niemandem eine öffentliche Selbstkasteiung, aber ich erwarte 15, 20 oder meinethalben 50 Schlussfolgerungen und Selbstverpflichtungen auch aus dem wirtschaftlichen Bereich“, betonte die Kanzlerin. Eine der Schlussfolgerungen, die sich die Regierungschefin offenbar besonders dringend wünscht, „besteht in der Einsicht, dass Verdienst von Dienen kommt“.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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