Neue Bundesländer Dämliche Deutschtümelei

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Nun schleppt sich die Karawane der Neuzeit vor seinem Bürofenster vorbei. Laster mit polnischen Kennzeichen karren auf der Durchfahrtsstraße Ostware westwärts. Nebenan wirbt die Raiffeisenbank auf Polnisch um Kunden und lockt mit billigen Baukrediten. Doch es hilft nichts.

Auch Janusz Przybylski würde hier heute nicht mehr kaufen. Ihm gehört die alte Villa an der Chausseestraße von Löcknitz. Jahrelang verfiel sie, kein Käufer war in Sicht, bis der Pole Przybylski 2005 die Immobilie erwarb und ein Hotel daraus machte. Fast zeitgleich begannen die Anfeindungen. Polen würden bevorzugt, behaupteten die Rechtsextremen. Seine Frau Barbara wollte zurück nach Polen, aber die Przybylskis sind dennoch geblieben damals – auch wegen der deutsch-polnischen Schule.

Nun ist er fertig mit dem Städtchen: „Voriges Jahr bekam ich täglich mehrfach Anrufe aus Polen von Häusersuchenden. Jetzt schon seit Monaten keinen einzigen mehr“, sagt Przybylski, das rote Polo-Hemd spannt beim Atmen über seinem Bauch. Er will verkaufen und weg, „aber in den nächsten fünf Jahren wird das bestimmt nichts“.

Für Lothar Meistring sind das deutliche Warnsignale. Seit 1990 lebt das Mitglied der Partei Die Linke in Löcknitz. Vor der Wende war er FDJ-Sekretär und musste kürzlich Zuträgerarbeiten für die Stasi einräumen.

Heute gehört der ehrenamtliche Dorfvorsteher von Löcknitz eher zu den Pragmatikern der Partei, er sagt Sätze wie: „Es gibt hier zu viele Menschen, die sich mit Hartz IV eingerichtet haben.“ Und Meistring gibt auch zu, dass einige Polen nur hergekommen seien wegen der Aussicht auf Kindergeld und Arbeitslosenhilfe.

Dennoch ist er derjenige, den die NPD in Hetzblättern als „den besten Bürgermeister, den die Polen je hatten“, verunglimpfen.

Meistring will sich nicht einschüchtern lassen. „Wir behandeln alle gleich“, sagt er und zählt auf: Wegen der zugezogenen Polen musste die Wohnungsgesellschaft der Gemeinde keinen entlassen. Wegen der Polen habe Löcknitz als einzige Gemeinde der Region nicht das Problem, Kindergärtnerinnen entlassen oder Schulen schließen zu müssen. „Im Gegenteil: Wir bauen nun sogar einen neuen Kindergarten.“ Aber gefeiert werden Polen nur, wenn sie, wie neulich, als beste Spieler den lokalen Fußballklub „Einheit“ eine Liga höher schießen.

Meistring bleibt bei seiner Linie: „Wenn bloß ein Deutscher einen Job kriegt, dann hole ich polnische Unternehmer hierher.“ 40 polnische Firmen gibt es bereits, meist Ein-Mann-Betriebe wie Friseure, Massagestudios oder Blumenläden. Denn trotz EU-Beitritt dürfen Polen, Ungarn oder Tschechen noch immer nicht in Deutschland arbeiten – es sei denn als Unternehmer.

Diesen kleinen Boom könnten die Rechten mit ihrer Propaganda zerstören, fürchtet Bürgermeister Meistring. Die NPD holte in Löcknitz bei der Kommunalwahl im Juni 14,6 Prozent. Gehe das so weiter, sei Löcknitz das gleiche Schicksal beschieden wie vielen Dörfer ringsum: „50 bis 60 Prozent von ihnen werden in zehn Jahren leer sein“, sagt Meistring. „Das garantiere ich.“

Dabei sollte die NPD doch mal schön ruhig sein, sagt Meistring und erzählt, dass der örtliche NPD-Vertreter, Fliesenleger von Beruf, unter der Woche auch Aufträge von Polen annehme – „und am Wochenende will er das Deutschtum retten“.

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