Neue Bundesländer
Dämliche Deutschtümelei

Investitionshemmnis NPD: Wie Rechtsextreme mit Parolen und Pressionen in Mecklenburg-Vorpommern polnische Unternehmer vergraulen – und so Jobs vernichten.

LÖCKNITZ. Eigentlich ist längst Feierabend, aber bei Romag Nord in Pasewalk wird noch gearbeitet. Zwei Arbeiter im Blaumännern heben mit einem knallroten Gabelstapler ein Stahlgerüst an, um die Schrauben noch ein letztes Mal festzuziehen. Und Jaroslaw Wieczorek greift noch mal zum Handy, um noch ein paar Termine festzuzurren. Wieczorek trägt Hemd und Krawatte, er ist hier der Chef, der Unternehmer, der Investor – einer, der anderen Arbeit gibt.

Solche wie ihn gibt es hier im Kreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern nicht gerade viele. Etwa jeder Fünfte hier an der Grenze zu Polen ist arbeitslos.

Jaroslaw Wieczorek, der 42-jährige Maschinenbau-Ingenieur, hat den Schlachtereihallen in Pasewalk vor einigen Jahren wieder Leben eingehaucht mit seiner Firma Romag Nord; das „Nord“ kam hinzu, weil Romags Stammwerk in Posen liegt, in Polen.

Ein kleines Spezialwerk für Montageeinrichtungen für die Autoindustrie hat Wieczorek in Pasewalk aufgebaut. Natürlich kämpft auch er mit der Wirtschaftskrise, die Maschinenbau und Autoindustrie besonders beutelt. Jaroslaw Wieczoreks größtes Problem sind aber nicht rote Zahlen, sondern braune Zampanos. Vulgo: die NPD.

Gestärkt durch lokale Wahlerfolge, bedrohen die Rechtsextremen nicht nur dunkelhäutige Politiker wie den Thüringer CDU-Mann Zeca Schall. Mit Parolen und Pressionen wird die NPD mancherorts in den neuen Bundesländern immer mehr zum Investitionshemmnis.

In Pasewalk ist es auch bald so weit. Elf Arbeitsplätze hat Jaroslaw Wieczorek geschaffen, eine Million Euro Umsatz erwirtschaften sie für Romag Nord. Wegen des Fachkräftemangels in der Region hat Wieczorek Arbeiter aus Polen angeworben, die kamen auch. Auch politisch hat sich der Unternehmer engagiert: Als erster Pole kandidierte er für den Kreistag von Uecker-Randow und den Stadtrat von Pasewalk, durchgekommen ist er nicht. Über 1000 Polen leben im Kreisgebiet. Doch auch die bei Kommunalwahlen wahlberechtigten Landsleute haben Wieczorek nicht unterstützt – wahrscheinlich aus Angst. Denn die NPD feiert hier Wahlerfolge mit Parolen wie „Polen-Invasion stoppen!“ oder „Grenzen dicht!“

Mittlerweile hält sich auch Jaroslaw Wieczorek zurück. Eigentlich hatte er die Familie nachholen und seine Kinder auf die deutsch-polnische Schule im nahen Löcknitz schicken wollen. Doch solange er Flugblätter im Briefkasten findet, in denen die NPD-Neu-Nazis den Polen vorwerfen, „nur Scheinfirmen zu gründen“, lässt er das lieber. „Das regt mich auf“, sagt er. „Es gibt doch inzwischen einige wie mich, die Arbeitsplätze in Deutschland schaffen.“

Jan Rybski ist einer von ihnen. Mit seinen weißgrauen Haaren hat er etwas von SPD-Frontmann Frank-Walter Steinmeier, aber er unterstützt die FDP. Dem Makler machen die NPD-Parolen das Geschäft kaputt. Interessenten aus der polnischen Heimat hätten abgewinkt, als er sie durch Löcknitz gefahren habe und sie all die NPD-Plakate mit dem Satz „Polacken raus aus Uecker-Randow“ gesehen hätten, erzählt Rybski.

Dabei hat Löcknitz in den vergangenen Jahren von der Nähe zur boomenden polnischen Metropole Stettin profitiert: Mehr als 200 zugezogene Polen trieben die rückläufige Einwohnerzahl wieder nach oben, sie liegt nun wieder bei 3200. Der Leerstand in den Plattenbauten der Wohnungsverwaltungsgesellschaft sank von 14 Prozent auf null. Und Projektentwickler Rybski kam mit Bauen und Makeln kaum noch nach.

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