Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller kritisiert Pläne der Ortskrankenkassen (AOK), über ein mit den Apotheken vereinbartes Zielpreissystem die Medikamentenausgaben der Krankenkassen um bis zu 400 Mill. Euro pro Jahr zu senken. Verbands-Chef Hans-Georg Hoffmann warnt vor einem ruinösen Preiswettbewerb.
Die Landesapothekerverbänden wollen mit den 16 Landes-Ortskrankenkassen Zielpreise für besonders umsatzstarke Wirkstoffgruppen vereinbaren. Foto: AP
BERLIN. "Hier sollen Verträge zulasten Dritter, nämlich der Industrie, gemacht werden", warnt der Chef des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH), Hans-Georg Hoffmann, der auch Geschäftsführer der M.C.M. Klosterfrau Vertriebsgesellschaft in Köln ist.
Die Pharma-Branche fürchtet einen ruinösen Preiswettbewerb bei nicht patentgeschützten Generika, sollten AOK und Apothekerverbände ihre Pläne zum Zielpreissystem umsetzen. Deren Vertreter trafen sich am Donnerstag zu einem ersten Sondierungsgespräch beim Dachverband der Apothekenverbände (ABDA) in Berlin.
Das Zielpreissystem soll die Ende Februar vor dem Landessozialgericht in Stuttgart vorläufig gescheiterten Rabattverträge zwischen der AOK und verschiedenen Arzneimittelherstellern ersetzen. Die Idee ist, dass die 16 Landes-Ortskrankenkassen mit den Landesapothekerverbänden Zielpreise für besonders umsatzstarke Wirkstoffgruppen vereinbaren.
Dabei soll der jeweilige Zielpreis unter dem Festbetrag liegen - jener Summe, die die Kassen maximal für einen Wirkstoff erstatten dürfen. Der einzelne Apotheker soll dann nach Möglichkeit eine noch preiswertere Marke der entsprechenden Wirkstoffgruppe abgeben und dafür einen Bonus von der AOK erhalten.
"Die Apotheker werden sich mit diesem Modell eine goldene Nase verdienen, weil sie den Bonus zusätzlich zu ihrer fixen Handelsspanne von 8,10 Euro pro Medikament kassieren können", klagt Hoffmann. Ihre Beratungsleistung werde damit schlicht überbezahlt.
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Dagegen werde die Industrie durch die Zielpreise, auf deren Höhe sie - anders als bei den zwischen Unternehmen und Kassen ausgehandelten Rabattverträgen - keinen Einfluss nehmen könne, in einen ruinösen Preiswettbewerb gezwungen. "Jedes Unternehmen wird alles tun müssen, um mit seinem Preis unter Zielpreis zu bleiben, will es nicht vom Markt verdrängt werden." Denn die AOK sei mit einem Umsatzanteil von über 40 Prozent der größte Einzelnachfrager auf dem über die Krankenkassen finanzierten Arzneimittelmarkt.
Dabei dreht sich die Preisspirale auch ohne das neue Zielpreissystem schon seit 2006 nach unten. Damals befreite der Gesetzgeber Unternehmen, die ihre Produkte 30 Prozent unter Festbetrag anbieten, vom gesetzlichen Zwangsrabatt. Allein durch die dadurch ausgelösten Preissenkungen sparen die Kassen laut ABDA 763 Mill. Euro im Jahr.
Folge dieser Preissenkungen war, dass die Kassen ihre Erstattungshöchstpreise, die Festbeträge, entsprechend der gesetzlichen Vorgaben senken mussten. So traten allein im Januar neue niedrigere Festbeträge in Kraft, die den Kassen 230 Mill. Euro Ersparnis bringen sollen. Weitere Festbetragssenkungen im Umfang von 530 Mill. Euro sind für Anfang Juni bereits geplant.
Kommen nun die Zielpreise unterhalb des Festbetrags hinzu, würden die dadurch ausgelösten Preissenkungen die Kassen erneut zwingen, auf das Absinken des Preisniveaus mit neuen, niedrigeren Festbeträgen zu reagieren. Im nächsten Schritt müssten die Zielpreise gesenkt werden usw. Dieser "Kellertreppeneffekt" bei den Preisen sei schlicht ruinös für die deutschen Generikahersteller, warnt Hoffmann. Dies könne auch nicht im Interesse der AOK sein.


