3 Bewertungen ***
14.08.2008 
Kostenbelastung ungeklärt

Neuer Streit über Kosten der Antidiskriminierung

Zwei Jahr nach Inkrafttreten des Gleichbehandlungsgesetzes ist der Streit über die Kosten und den Bürokratieaufwand der Antidiskriminierungsvorschriften erneut ausgebrochen.

HB BERLIN. Während die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Studie über eine angebliche Kostenbelastung von 1,73 Milliarden Euro als unseriös und wissenschaftlich nicht haltbar zurückwies, blieben die Arbeitgeber am Donnerstag in Berlin bei ihrer Einschätzung, dass wesentliche Kosten entstanden seien. Aktuelle Erhebungen über die tatsächlichen Belastungen legte keine Seite vor.

Nach Feststellung der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Martina Köppen, ist die von der Wirtschaft befürchtete Klagewelle ausgeblieben. Sie wies auch den Vorwurf der Arbeitgeber zurück, dass ein hohes Missbrauchpotenzial bestehe. Die vor einem Jahr publizierte Studie der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wurde von der wissenschaftlichen Kommission der Antidiskriminierungsstelle verworfen. Sie beruhe auf bloßen Schätzungen, sei weder repräsentativ noch vom Verfahren her haltbar und enthalte auch keine Kosten-Nutzen-Analyse. Selbst wenn man von den Methoden der Studie ausgehe, käme man nur auf 26 Millionen Euro, sagte der Vorsitzende der Kommission, Heinrich Wilms. „Das Gutachten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist damit vom Tisch“, sagte Köppen.

Das von der großen Koalition beschlossene Gesetz war nach jahrelangem Streit im August 2006 in Kraft getreten. In der vorausgegangenen Legislaturperiode hatte die Union noch über den Bundesrat das rot-grüne Antidiskriminierungsgesetz blockiert. Das Gesetz setzt EU-Richtlinien um, die vor Benachteiligung wegen Rasse, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder der sexuellen Orientierung schützen sollen.

Nach dem Urteil von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bekämpfen die Antidiskriminierungsrichtlinien ein Scheinproblem. „Sie sind überflüssig und Ausdruck gesetzgeberischer Überregulierung“, sagte er in einer Mitteilung. Die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vorgelegte Studie verkenne die durch das Gesetz verursachten Kosten und Rechtsunsicherheiten. Die Zahl der Klagen wegen vermeintlicher Diskriminierungen hat laut Hundt deutlich zugenommen.

Er verwies auf Baden-Württemberg, das als einziges Bundesland solche Klagen bisher systematisch erfasse. Im ersten Jahr nach Inkrafttreten seien mehr als hundert Verfahren anhängig gewesen. Nach Einschätzung der Wirtschaftsjunioren hat das Antidiskriminierungsgesetz in jedem Unternehmen zu mehr Kosten und zu mehr Bürokratie geführt.

Zu einer gegenteiligen Einschätzung gelangte der DGB. Deren Vizevorsitzende Ingrid Sehrbrock zog in einer Mitteilung eine positive Bilanz. „Selbst die Arbeitgeberseite räumt heute ein, dass Unternehmen mit Hilfe des Gesetzes sensibilisiert worden sind.“ Die Studie der Antidiskriminierungsstelle belege, dass die Arbeitgeberseite offensichtlich auch von völlig überzogenen Kosten ausgegangen sei.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutscher Bauernstaat  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Helmut Hauschild

Die Bundesregierung tut sich mit ihrer Agrarpolitik als Industriestaat keinen Gefallen. Kommentar