Deutschland
Neuer Tabellenführer in der Moral-Liga

Eine Ratingagentur misst die „Corporate Social Responsibility“ nach 200 ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien.

HB BERLIN. Eine Kluft tut sich auf zwischen den größten deutschen Börsenkonzernen, wenn es um die Moral geht. In einem bundesweit einzigartigen Nachhaltigkeitsranking, das dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, wurden die DAX-30-Konzerne auf ökologische, soziale und ethische Leistungen abgeklopft – kurz: auf ihre „Corporate Social Responsibility“ (CSR). 200 verschiedene Kritierien wurden überprüft.

Als eindeutigen Sieger ermittelte die unabhängige Research-Agentur Scoris aus Hannover die Firma Henkel. Der Düsseldorfer Markenartikler kam mit 82,1 von 100 möglichen Punkten auf eine weit überdurchschnittliche Bewertung. Schlusslichter mit weniger als 39 Punkten sind die Deutsche Börse, Linde und die Commerzbank. Ihre Aktivitäten sei-nen unsystematisch und es fehle eine Nachhaltigkeitsberichterstattung, lautet die Begründung. Der Durchschnitt aller Dax-30-Konzerne liegt bei knapp 60 Indexpunkten. Immerhin 18 Unternehmen wurde eine solide bis gute Leistung bescheinigt.

Das Rating spiegelt im Falle Henkel die umfangreichen nachhaltigkeitsbezogenen Aktivitäten des Konsumgüterherstellers wieder. Das Unternehmen erreicht mit Ausnahme der Unternehmensführung (Corporate Governance) stets überdurchschnittliche Werte. Bei gesellschaftlichem Engagement, Kundenbeziehungen und Umweltschutz ist es Nummer eins. Beim ersten Ranking von Scoris vor zwei Jahren lag Henkel auf Rang zwei.

Der damalige Gewinner Hypovereinsbank (HVB) rutschte auf den achten Platz. Ein Grund ist die verfeinerte und international harmonisierte Methodik innerhalb des Siri-Verbundes. In diesem Netzwerk unabhängiger Forschungsorganisationen für Nachhaltigkeit ist Scoris der deutsche Partner. Die neue Methode gewichtet Umweltschutz stärker und bewertet erstmals Anstrengungen im Bereich Menschenrechte und Lieferanten im Bankensektor. Zudem habe sich die HVB aber auch nicht in dem Maße verbessert wie andere Dax-Firmen, erläutert Scoris-Geschäftsführer Axel Wilhelm. Auch der Stellenabbau in Österreich schlage negativ zu Buche.

Die Studie, die über Branchengrenzen hinweg vergleicht, zeigt vielfach Fortschritte beim Corporate Governance, Umweltschutz und dem Umgang mit Mitarbeitern. „Dagegen beachten viele Unternehmen das aktive gesellschaftliche Engagement oder das zunehmend akute Thema Menschenrechte und Lieferanten gar nicht oder kaum“, resümiert Wilhelm. Unter den besten zehn Unternehmen sind sieben verschiedene Branchen vertreten. „Nachhaltigkeit wird branchenübergreifend als wichtig für die Unternehmensentwicklung erkannt“, folgert Wilhelm. Das Ergebnis zeige auch, dass die angewandte Methode nicht systematisch bestimmte Branchen bevorzuge.

Allerdings fällt auf, dass sich drei Autobauer auf den obersten Rängen tummeln, obwohl für manche Analysten das Produkt „Auto“ hinsicht-lich Ressourcenbeanspruchung und Energienutzung prinzipiell nicht nachhaltig ist. „Unser Rating enthält keinen Malus für bestimmte Branchen, wohl aber eine branchenspezifische Gewichtung von Krite-rien, wie dem Umweltschutz beim Autobau. Die Hersteller zeigen durch ihr großes Engagement bei der Entwicklung alternativer Antriebssysteme eine deutlich höhere Dynamik bei der Suche nach Produktalternativen als andere Branchen“, erläutert Wilhelm. Sie verpassen jedoch bessere Ergebnisse etwa durch die negative Haltung um die serienmäßige Ausstattung der Diesel-Fahrzeuge mit Filtern.

Den Vorwurf, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, lässt Wilhelm nicht gelten: Verglichen würden ja nicht Produkte, sondern die Art des Managements. Nachhaltiges Wirtschaften sei eben die Art, sein Geschäft zu betreiben. In die Waagschale kommen Informationspolitik, Leitlinien, Firmenpolitik, Managementsysteme und aktive Maßnahmen, mit denen sich ein Unternehmen um Lösungen in gesellschaftlich wichtigen Feldern bemühe.

Bei all dem darf auch die Ökonomie als Säule der Nachhaltigkeit nicht vergessen werden. Zwar gehen wirtschaftliche Daten in das Ranking nicht ein. Doch ob sich CSR im Börsenkurs niederschlägt, beantworteten inzwischen mehrere Studien. In Einzelfällen sei sogar eine Outperformance möglich, ergab ein Vergleich von 36 Studien durch Professor Henry Schäfer vom betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Stuttgart. Generell schneiden bei den Renditen nachhaltig orientierte Unternehmen ebenso gut ab wie die Konkurrenz. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) berechnete, dass ökologisch und sozial verantwortliches Wirtschaften keinen negativen Einfluss auf die finanzielle Leistung und den Börsenwert von Unternehmen hat.

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