Neues Buch zu Walter Ulbricht
Staatsmann, Sportsfreund, Spitzbart

Ein Buch will Walter Ulbricht, den SED-Spitzenfunktionär der DDR, in ein neues Licht zu rücken. Herausgeber ist Egon Krenz, letzter DDR-Staatschef. Er kritisiert: Deutsche Biografien würden mit zweierlei Maß gemessen.

BerlinEntmachtet von den eigenen SED-Genossen. Und dann muss sich der greise DDR-Spitzenfunktionär Walter Ulbricht auch noch in Pantoffeln und Hausmantel für ein öffentliches Foto ablichten lassen – das war 1971. Fast 40 Jahre nach dem einsamen Tod des einstigen Chefs der Staatspartei SED am 1. August 1973 kommt nun ein rund 600-Seiten-Wälzer über Ulbricht, dessen Name für den Mauerbau 1961 steht, heraus. Ausgerechnet Egon Krenz, zweiter Nachfolger von Ulbricht und letzter SED- und DDR-Staatschef, hat den Band in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe herausgegeben. Erscheinungstag ist der 27. Juni.

Genau 70 Weggefährten, Ex-DDR-Minister, Kulturschaffende und Historiker hat Krenz befragt. Der 76-Jährige, der nach dem Sturz von Erich Honecker im Herbst 1989 noch kurz an die Macht kam, bleibt sich auch im Vorwort treu. Deutsche Biografien würden mit zweierlei Maß gemessen, schreibt er darin. „Die Guten kommen meist aus den Eliten der Bundesrepublik, die Gescholtenen fast immer aus der DDR.“ Zeit also, über die Nachkriegsgeschichte beider deutscher Staaten zu reden – „so wie sie war und nicht, wie bestimmte Leute sie gern hätten.“

Der empörte Krenz legt noch nach: „Bestimmte Behörden“ seien beauftragt, die DDR als ein großes Gefängnis darzustellen, „in dem das Führungspersonal nur darüber sinnierte, wie die Bürger drangsaliert werden können“. Natürlich war aus Krenz-Sicht alles ganz anders. Ulbricht sei ein Patriot gewesen – er „wollte immer das ganze Deutschland“.

Doch Moskau habe das als Illusion kritisiert und sei auf Distanz gegangen. Bei Krenz liest sich der Sturz Ulbrichts so: „Der Wechsel an der Parteispitze 1971 lässt sich nicht auf den Machtanspruch Honeckers reduzieren.“ Ulbricht sei überfordert gewesen mit den internationalen Problemen. „Er war alt geworden.“

Offiziell war der Rücktritt freiwillig. Doch hinter den Kulissen hatte Kronprinz Honecker mit Moskau das Komplott geschmiedet und sich damit selbst an die Spitze katapultiert. Bis zu seinem Tod blieb Ulbricht mit unverkennbar sächsischem Dialekt – er wurde vor 120 Jahren am 30. Juni in Leipzig geboren – dann noch Vorsitzender des politisch bedeutungslosen DDR-Staatsrates. Bei seinem Volk war der „Spitzbart“ auch Zielscheibe von Spott und Witzen.

Für den Westen galt Ulbricht nicht nur wegen des Mauerbaus vom 13. August 1961 als Hardliner. Vor den Demonstranten des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 war er abgetaucht, die Erhebung wurde mit Panzern der sowjetischen Besatzungsmacht niedergeschlagen. Unter seiner Führung wurden massenhaft Unrechtsurteile gegen Aufständische vollstreckt. Auch Kritiker in der eigenen Partei stellte der im Moskauer Exil gestählte Politprofi kalt.

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Staatsmann, Sportsfreund, Spitzbart

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„Ein Arbeiter, der zum Staatsmann von Format wurde“

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