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29.07.2007 
Stadt Langenfeld

Nie mehr im Minus

von Andreas Grosse-Halbuer, Wirtschaftswoche

Das rheinische Langenfeld zwischen Köln und Düsseldorf will in reichlich einem Jahr seinen letzten Kredit ablösen und schuldenfrei werden - als erste deutsche Stadt mit mehr als 50 000 Einwohnern. Doch die Vorzeigekommune wird für ihre Entschuldungspolitik bestraft.

LANGENFELD. Im Spätherbst 1986 geschehen drei Ereignisse, die auf wunderliche Weise miteinander verbunden sind: Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler James Buchanan erhält den Nobelpreis für seine Analyse des politischen Entscheidungsverhaltens. Die schwedische Rockband Europe stürmt mit dem Song "The Final Countdown" die deutsche Hitparade. Und der Langenfelder Kämmerer Winfried Graw zermartert sich das Hirn über den Haushalt seiner Stadt.

Der Mann hat Grund zur Sorge: Der Schuldenberg Langenfelds ist auf 38 Millionen Euro angewachsen, jedes Jahr kommen neue Schulden hinzu. "Wenn wir nichts unternehmen", denkt sich das brave Kämmerlein, "fliegt uns der Laden um die Ohren."

Also unternimmt Graw etwas. Die Etatberatungen für das nächste Haushaltsjahr stehen an, und Graw schleudert den Politikern im Stadtrat die roten Zahlen entgegen, spricht über die Zukunft der Kinder, mahnt zur Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen.

Für seinen Eifer wird der Kämmerer zunächst belächelt, doch dann setzt sich die ökonomische Vernunft durch. Fortan, so beschließt der Rat, soll Schluss sein mit der Automatik von Schulden, Zinsen, neuen Schulden und noch mehr Zinsen. Langenfeld zieht in die Schlacht gegen das Minus. Erst zaghaft, indem es die Neuverschuldung auf null drückt. Dann immer energischer, weil plötzlich Geld da ist, um alte Kredite zu tilgen.

Der Rest ist schnell erzählt. Am 3. Oktober 2008 wird Langenfeld 60 Jahre alt: An diesem Tag wird die Kommune ihren letzten Kredit ablösen können und schuldenfrei sein. Als einzige Stadt mit mehr als 50 000 Einwohnern.

Magnus Staehler wird jede Sekunde dieses Tages auskosten. Er ist der Bürgermeister, und es ist auch sein Triumph. Der inzwischen pensionierte Kämmerer Graw gilt als Vater der Entschuldung, Staehler ist sein jüngerer Bruder im Geiste. Wie ein Rohrspatz schimpft er über die "Füllhornausschütter und Wunschzettelschreiber" und sagt Sätze wie: "Wenn wir nicht aufpassen, gehen wir an dieser Vollkasko-Mentalität kaputt."

Mit seiner Leidenschaft für das Maßhalten und dem Talent für das Marktschreierische hat der Verwaltungswirt die ganze Stadt in eine Art Entschuldungsmodus geschaltet. Die Bürger müssen etwa ihre Straßen selber kehren, Staehler verteilte 1 000 Besen, um das Volk auf seine Seite zu ziehen. Die gesamte Verwaltung ist straff durchorganisiert. Obwohl die städtischen Aufgaben über die Jahre deutlich zunahmen, gab es keine zusätzlichen Planstellen; stattdessen weniger Hierarchien, mehr Verantwortung für den Einzelnen und mehr Geld als Ansporn.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beim Überprüfen aller Haushaltsposten entdecken Staehler und seine Leute Unglaubliches.

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