Jeden Haushaltsposten nahmen Staehler und seine Leute unter die Lupe. Und entdeckten Unglaubliches. Einige Hausmeister etwa verdienten durch Überstunden, Bereitschafts- und Schließdienste "mehr als der Stadtdirektor", sagt Staehler. Jetzt übernehmen Vereine das Auf- und Abschließen öffentlicher Gebäude. Die Hausmeister, es sind inzwischen nur noch 24 von ursprünglich 44, arbeiten als schnelle Eingreiftruppe, die für sämtliche Gebäude der Stadt zuständig ist. Der handwerklich gut ausgebildete Trupp erledigt einen Großteil der Reparaturen, was wiederum Geld spart.
Die Langenfelder Logik folgt keiner politischen Ideologie. An einer Stelle wird auf Teufel komm raus privatisiert, wie im Fall des städtischen Putzdienstes. An anderer wird rekommunalisiert, wie im Fall der Müllabfuhr. Hauptsache, die Kasse stimmt. Andere Städte verschleudern ihr Tafelsilber, um den Haushalt zu entlasten. In Langenfeld dagegen bilden konsequentes Sparen und der Verzicht auf Großinvestitionen mit unkalkulierbaren Folgekosten das Fundament der Entschuldungspolitik.
So wird aus einem mahnenden Signal ein Zeichen des Triumphes: An der Rathaus-Wand hängt eine Schuldenuhr. Sie läuft rückwärts. Mit jeder Sekunde verringert die Stadt ihre Schulden um sieben Cent. Zurzeit ist sie noch mit 60 Euro pro Nase verschuldet, das Land NRW mit 6 432 Euro und der Bund mit 18 262 Euro.
Am 5. November des vergangenen Jahres, um genau 14.48 Uhr, springt die Anzeige der Schuldenuhr auf die 99,99-Euro-Marke. Langenfeld erreicht ein psychologisch wichtiges Etappenziel. Und feiert sich selbst. Aus den Boxen dröhnt "The Final Countdown" von Europe, die neue Hymne der Stadt. Euphorisch zählen die Bürger die letzten Sekunden, prosten sich zu. Dann geschieht etwas noch Ungewöhnlicheres: Über 500 Bürger stehen Schlange, um der Stadt Geld zu schenken. Sie wollen sich mit jeweils 99,99 Euro entschulden. Als Dankeschön gibt’s eine Erinnerungsurkunde fürs heimische Wohnzimmer.
Mit dem Tamtam um die Entschuldung entsteht ganz nebenbei so etwas wie ein neues Wir-Gefühl. Befeuert wird der Lokalpatriotismus von der wirtschaftlichen Potenz Langenfelds, das sich von der Textilkrise und dem Wegfall Tausender Mannesmann-Arbeitsplätze glänzend erholt hat. Ein bunter Schwarm von rund 900 mittelständischen Unternehmen siedelt jetzt in den weitläufigen Gewerbegebieten.
5 000 neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen zehn Jahren entstanden, keine schlechte Bilanz für eine Kommune mit 59 000 Einwohnern. Zweifelsohne profitiert die Stadt von ihrer verkehrsgünstigen Lage. Das war schon im 18. Jahrhundert so, als der Ort Poststation mit 100 parat stehenden frischen Pferden war. Und das ist auch heute noch so, mit sechs Autobahnanschlüssen und zwei nahegelegenen Flughäfen, als Heimstatt des größten Postverteilerzentrums Deutschlands.
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