Notfallseelsorger helfen Flüchtlingen

Ein paar erbauende Worte für die Seele

Nach Wochen der Flucht kommen viele Flüchtlinge erschöpft in den bayerischen Notunterkünften an. Dort werden sie versorgt – auch psychologisch. Notfallseelsorger versuchen ihnen in der Kürze der Zeit Mut zuzusprechen.
Zayid und andere Flüchtlinge sprechen im Versorgungszelt für Flüchtlinge am Bahnhof in Passau (Bayern) mit der Notfallseelsorgerin Sonja Sibbor-Heißmann. Quelle: dpa
Notfallseelsorge für Flüchtlinge

Zayid und andere Flüchtlinge sprechen im Versorgungszelt für Flüchtlinge am Bahnhof in Passau (Bayern) mit der Notfallseelsorgerin Sonja Sibbor-Heißmann.

(Foto: dpa)

PassauZayid hat viele Fragen. Über Deutschland weiß er kaum etwas. Und was die nächsten Stunden bringen, weiß er auch nicht. Verunsichert wartet der 30-Jährige mit seiner Familie im Versorgungszelt am Passauer Bahnhof auf den Bus der Bundespolizei. Auf der wochenlangen Flucht aus dem Irak über die Balkanroute ging es immer irgendwie weiter – Richtung Deutschland. Endlich angekommen weiß er nicht, wie lange sie noch warten müssen, wohin sie gebracht werden – und was dann passiert.

„Als Notfallseelsorger geben wir grundsätzliche Informationen an die Flüchtlinge weiter und geben ihnen damit ein bisschen Sicherheit“, sagt Sonja Sibbor-Heißmann. Das fange schon da an, dass viele Flüchtlinge gar nicht wissen, in welcher Stadt sie sind, erzählt sie. Die evangelische Pfarrerin darf im Gegensatz zu den anderen ehrenamtlichen Helfern hinter die Absperrung, die den Wartebereich der Flüchtlinge von der Essensausgabe trennt. Ohne die Barriere zwischen ihnen trauen sich mehr Flüchtlinge, die Seelsorgerin in der neongelben Weste anzusprechen. Viele sprechen Englisch, manchmal helfen Dolmetscher oder Familienangehörige beim Übersetzen.

Auch für Zayid und seine Familie nimmt sich die ehrenamtliche Notfallseelsorgerin Zeit. Sie wollen vor allem wissen, wie es für sie in Deutschland weiter geht und ob die 14-jährige Tochter zur Schule gehen darf. In die Tiefe gehen die Gespräche selten. „Psychologische Hilfe ist gar nicht möglich. Die Menschen sind ja nur ein paar Stunden hier“, sagt Sibbor-Heißmann.

Das ist für die Notfallseelsorger neu, denn sie stehen sonst Angehörigen bei Todesfällen oder Unfällen bei. Doch für die 41-jährige Pfarrerin gibt es trotzdem Parallelen: „Wenn jemand betroffen ist, will er informiert werden. Deshalb hat die Seelsorge bei den Flüchtlingen viel mit der Notfallseelsorge zu tun.“

Psychologische Probleme stehen bei den meisten Flüchtlingen auch erstmal nicht im Vordergrund, wenn sie in Deutschland ankommen. „Die haben die Hölle hinter sich. Was sie brauchen ist Essen, Schlaf und jemand, der sie an die Hand nimmt und ihnen bei der Integration hilft“, sagt Wolfgang Schreiber. Er ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Mainkofen.

De Maizière treibt die Regierung um
Thomas de Maizière
1 von 10

Innenminister Thomas de Maizière hat die Flüchtlingsdebatte innerhalb der Regierung aufgeheizt. Unter Berufung des Bundesinnenministeriums hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet, dass Flüchtlingen in Deutschland nur noch ein sogenannter subsidiärer Schutz gewährt werden soll. Das bedeutet: Flüchtlinge aus Syrien erhielten nur noch eine Aufenthaltsbewilligung für ein Jahr. Außerdem wäre es ihnen nicht gestattet, Familienangehörige nach Deutschland nachzuholen.

Der Rückzug
2 von 10

Bereits kurz nach Veröffentlichung des Berichts hatte de Maizière die Aussagen zurückgewiesen. „Es gibt keine Änderung bei der Genehmigungspraxis für syrische Flüchtlinge“, sagte er. Zwar sei Anfang der Woche eine Änderung vorgesehen gewesen. „Im Lichte der Entscheidung der Koalition gestern zum Familiennachzug gibt es aber Gesprächsbedarf in der Koalition. Und deswegen bleibt es jetzt so wie es ist, bis es eine neue Entscheidung gibt.“

Der Unbeirrbare
3 von 10

Doch hinsichtlich der Flüchtlingsproblematik bleibt der Innenminister hart. Von seiner Grundposition lässt er sich nicht vertreiben. Ungeachtet der Kritik von Flüchtlingsverbänden und aus der Opposition sprach sich de Maizière erneut dafür aus, Menschen aus Afghanistan in ihr Heimatland zurückzuschicken. Auch wenn die Lage vor Ort schwierig sei, so gebe es in Afghanistan dennoch sicherere und weniger sichere Gebiete. Angesichts des jahrelangen deutschen Engagements in dem Land – etwa zur Verbesserung der Sicherheit – könne man erwarten, „dass die Menschen in Afghanistan bleiben“.

Der Helfer in der Not
4 von 10

Rückendeckung erhält de Maizière von Wolfgang Schäuble. Der Bundesfinanzminister hat sich gegen eine unbegrenzte Zuwanderung ausgesprochen. In dem Bürgerkriegsland gebe es fünf Millionen Binnenflüchtlinge, sagte der CDU-Politiker in einer Veranstaltung mit Schülern: „Wenn die alle nach Europa kommen wollten, anstatt dass man versucht, in Syrien die Probleme zu lösen, wird es nicht zu lösen sein.“

Die Angst vor sieben Milliarden Menschen
5 von 10

Schäuble halte deswegen de Maizieres Vorschlag „für eine notwendige Entscheidung“, über die sich die Koalition „sehr rasch“ verständigen solle. „Wir haben ungefähr sieben Milliarden Menschen auf der Welt, wenn die alle beschließen wollten, nach Europa zu kommen, müsste Europa die Möglichkeit haben zu sagen, nein danke, es wir ein bisschen zu viel.“

Der übliche Verdächtige aus Bayern
6 von 10

CSU-Chef Horst Seehofer sagte der „Süddeutschen Zeitung“ laut Vorabbericht: „Thomas de Maizière hat recht, wir müssen wieder nach dem Gesetz handeln und den Flüchtlingsstatus jedes Syrers genau prüfen.“

Der Mediator
7 von 10

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat das Einlenken von Innenminister Thomas de Maizière in der Frage des Familiennachzugs von Flüchtlingen gelobt. „Es ist gut, dass er den Vorschlag zurückgenommen hat, dass es beim alten Verfahren bleibt“, sagte Gabriel dem ZDF in Salzgitter. Der Vorstoß sei ohne Absprache gewesen und es sei klug, ihn zurückzunehmen. „Damit, finde ich, ist die Maßnahme erledigt.“

Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer leidet jeder zweite Flüchtling an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression. Die meisten der Erwachsenen haben Gewalt gegenüber anderen miterlebt, über die Hälfte haben Leichen gesehen und wurden selbst Opfer von Gewalt. 43 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge wurden gefoltert. Die Probleme würden aber erst nach zwei bis drei Jahren nach der Flucht auftreten, sagt Schreiber. Dann seien die Psychologen und Psychiater gefragt.

Im Versorgungszelt kommt Sibbor-Heißmann am einfachsten über die Kinder mit den Eltern ins Gespräch. Einmal schenkte sie einem kleinen Mädchen einen Luftballon und spielte mit ihr. Daraufhin erzählte der Vater, dass die Mutter erschossen worden war und sie zu zweit geflohen seien. Für die ehrenamtliche Seelsorgerin zählt bei solchen Geschichten nur eins: „Vorschneller Trost oder Sätze aus dem Lehrbuch helfen dann nicht. Man muss zeigen, dass sie weiterreden dürfen und ihnen Mut für die Zukunft machen.“

  • dpa
Startseite

Mehr zu: Notfallseelsorger helfen Flüchtlingen - Ein paar erbauende Worte für die Seele

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%