NRW
Die Leiden eines Wahlkämpfers

Endspurt im NRW-Wahlkampf: Auf einer Zugfahrt bekommt ein Handelsblatt-Redakteur ebenso unverhoffte wie unerwartete Einblicke. Ein Kandidat plaudert aus dem Nähkästchen – und steht vor der Frage: Schokolade oder Brötchen?
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Ein Vormittag in der Deutschen Bahn. Der Tag ist noch jung, aber der Kandidat hat schon schlechte Laune. Kaum fährt der Zug an, wählt der Politiker die Nummer eines Vertrauten. „Hallo Helmut? Hier ist Horst“*. Die nächste halbe Stunde scheint es Horst egal, dass Reisende um ihn herum jedes Wort mithören können.

Vielleicht lag es am Osterwochenende. „In Familie“ habe er gemacht, erklärt Horst seinem Zuhörer. Im Nachhinein keine gänzlich gute Idee. Furchtbar, wie politisch desinteressiert die Leute seien, berichtet der Bürgermeister in spe. Einer der Gäste habe nicht einmal gewusst, in welcher Partei der Armin Laschet sei. Dabei sei der Laschet doch Spitzenkandidat der CDU. Unglaublich.

Horst gerät in Rage. Alle hätten etwas zu meckern. Nur handeln wolle keiner, ja nicht einmal wählen. „Ich hab denen gesagt: Was macht ihr denn? Ihr beschwert euch immer, aber hier könnt ihr doch auf kommunaler Ebene entscheiden. Nö, wollen sie nicht. Nach dem Motto, ist ja eh alles scheißegal.“

Selbst seine Parteifreunde seien arg lethargisch, klagt der Bahntelefonist. „Wenn ich an meine Genossen denk. Ich schreib 15 Leute an. Drei antworten. Vielleicht. Da werd ich gleich wieder depressiv.“

Wahlkampf, lernen Horsts Mitfahrer, ist harte Arbeit. Unzählige Hausbesuche habe er in den vergangenen Monaten gemacht. 750 qualifizierte Gespräche geführt. Neulich dann eine heimtückische Sabotage. Unbekannte rissen einfach ein Wahlplakat ab. „Da häng ich keins mehr hin“, sagt Horst. „Kostet drei Euro. Die verschwende ich nicht wieder. Verstehst du.“

Überhaupt, die Kosten. Mehr als 10.000 Euro aus eigener Tasche hat Horst inzwischen in seinen Wahlkampf gesteckt. Mehr als 3200 Euro dürfe er aber beim Finanzamt nicht absetzen. Egal. Horst: „Das ist ne einmalige Sache in meinem Leben, das zieh ich jetzt durch.“

Gedankt wird es ihm kaum. Die Leute seien ja so teilnahmslos, sagt Horst. Ein halber Satz dürfe auf den Plakaten stehen, mehr nicht. „Der Name ist wichtig. Nur der Name zählt.“

Dann hat Horst eine Idee. Am Morgen vor dem Urnengang sollen die Bürger in seinem Wahlkreis ein letztes Mal an den richtigen Kandidaten erinnert werden. „Ich dachte so an 1000 Türanhänger. Nicht vergessen, Horst wählen. Was weiß ich. Und ein Brötchen.“

Horst überdenkt die Logistik. 1000 Brötchen. „Da brauchen wir zehn Leute. Jeder mit einem Karton mit 100 Brötchen. Wenn wir um sechs Uhr anfangen, schaffen wir das bis acht? Wenn wir das selber machen, müssen wir um fünf anfangen.“
Heinz zweifelt. Horst lenkt ein. „Ja, da hast du Recht. Bei Brötchen geht garantiert auch was schief. Menschliches Versagen.“

„Wie wär‘s mit Schokolade?“, fragt Horst. „Diese kleinen. Kost ja nichts. Jeder macht ne Plastiktüte voll und marschiert los. Zack, zack, zack.“

Die Entscheidung ist gefallen. Für Schokolade. Gegen Brötchen. „Brötchen sind nicht gut. Gut, dass wir geredet haben. Mit Schokolade können wir das auch um Mitternacht machen. Ist ein wahnsinniger Aufwand. Aber es geht in dem Moment doch nur noch darum: wie viele Stimmen gewinne ich in dem Moment mit der Aktion? Und wenn es bei 1000 Stück 30 Stimmen sind. Haben oder nicht haben.“

Dann muss Horst aussteigen.

*Namen geändert

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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