Wählerwanderung
Wem die Piraten am meisten weh tun

Die SPD ist die Gewinnerin der NRW-Wahl. Doch in einem Punkt sollte das Resultat den Genossen zu denken geben. Die SPD hat so viele Stimmen an die Piraten verloren wie keine andere Partei. Das könnte noch schmerzen.
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DüsseldorfMit feuchten Augen wandte sich gestern Abend der Landesvorsitzende der Piratenpartei, Michele Marsching, an die Gäste der Wahlparty. "Stellt euch vor wir hätten eine Zeitmaschine. Vor zwei Jahren hat niemand geglaubt, dass wir mal in den Landtag einziehen werden." Die Piraten hätten nun Geschichte geschrieben.

Bei den Wahlen 2010 kam die Piratenpartei grade mal auf 1,6 Prozent. Am Sonntag hat sie ihr Wahlergebnis auf 7,8 Prozent fast verfünffacht. Mit 20 Abgeordneten ziehen die Piraten in den Düsseldorfer Landtag ein.

Ihr Spitzenkandidat, Joachim Paul, sieht das Wahlergebnis als Zeitenwende. "Die Zukunft der Demokratie liegt in Nordrhein-Westfalen," sagt er und greift er das alte Parteienestablishment an. "In der etablierten Politik gibt es ein Problem, das Phänomen Piraten zu begreifen", rügt Paul. Die Piraten müssten Aufklärungsarbeit leisten, um zu erklären, woher ihre Bewegung kommt und wie sich diese Bewegung motiviert. "Es wird nicht verstanden, wie die Bewegung aus Zornbürgern und Internet eine Melange bildet", erklärte der neue Oberpirat im Düsseldorfer Landtag.

Der Bundesvorsitzende der Piraten, Bernd Schlömer, sieht den Einzug seiner Partei in den Landtag von Nordrhein-Westfalen als endgültigen Durchbruch. "Im bevölkerungsstärksten Land sind mehr als sieben Prozent der Stimmen ein Zeichen dafür, dass die Piraten sich nun endgültig im Parteiensystem etabliert haben", sagte Schlömer.

Schon der Einzug der Linkspartei in viele Landtage der Westbundesländer hat die politischen Machtverhältnisse kräftig verschoben. Die Zugewinne der Linkspartei gingen weitgehend zu Lasten der SPD. Da beide Parteien nicht miteinander koalieren wollten, gab es im Bund und in vielen Bundesländern große Koalitionen.

Nun erwächst mit den Piraten eine weitere Kraft - und wieder könnte das vor allem zu Lasten der SPD gehen. Denn auch die Piraten können nur zu Lasten anderer Parteien wachsen. Ein Blick auf die Wählerwanderungen in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass sie für Grüne, Linkspartei und SPD viel gefährlicher sind, als für CDU und FDP.

Obwohl die SPD vor allem dank ihrer Spitzenkandidatin Hannelore Kraft bei der Wahl deutlich zugelegte, hat sie am meisten Stimmen an die Piraten verloren. Nach den Analysen von Infratest dimap im Auftrag der ARD gaben 90 000 frühere SPD-Wähler diesmal ihre Stimmen den Piraten. Auch jeweils 80 000 frühere Grüne- und Linkspartei-Wähler liefen zu den Piraten über. Relativ gesehen ist ihr Verlust sogar noch größer als der der SPD.

FDP und CDU hingegen verloren "nur" 40 000 und 60 000 Stimmen an die Piraten. Unterm Strich haben die Mitte-Links Parteien also mehr als doppelt so viele Wähler an die Piraten verloren, wie die Mitte-Rechts Parteien.

Besonders stark sind die Piraten bei jungen Wählern. Grade dort schmerzt der Verlust von Wählerstimmen besonders. Der Stimmenanteil der Piraten nimmt aber mit dem Alter der Wähler kontinuierlich ab. So erreichten die Piraten bei den unter 30-jährigen einen Anteil von 16 Prozent - bei der Generation 60 + dagegen konnten sie nur 3 Prozent überzeugen.

Die meisten Wähler sehen die Piraten allerdings nach wie vor als Protestpartei. Nach Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF gaben zwei von drei Piraten-Wählern (66 Prozent) an, dass sie die Partei aus Unzufriedenheit mit den anderen Parteien gewählt hätten. Nur einer von drei Piratenwählern gab ihnen aus inhaltlichen Gründen die Stimme (31 Prozent).

Nach dem Einzug in den Landtag bereiten sich die Piraten nun schon darauf vor, dass sie bald stärker an Inhalten gemessen werden. Spitzenkandidat Paul formulierte sein Ziel am Wahlabend so. "Die Wählerinnen und Wähler haben bestellt, ab morgen wird geliefert."

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Wählerwanderung: Wem die Piraten am meisten weh tun"

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  • Eine seltsame Rechnung, natürlich hat die SPD die meisten Stimmen verloren, aber wie sieht es prozentual im Verhältinss zu allen Wählerstimmen der jeweiligen Parteien aus?
    Ebenso haben die Piraten die Möglichkeit nicht nur zu Lasten der SPD einen weiteren Stimmenzuwachs zu erreichen.
    Sie können auch zu Lasten der Nichtwählerpartei noch deutlich mehr Stimmen einfahren! Wenn denn dass nichtwählende Volk überzeugt wird!
    und wieder Wählen geht!

  • Schön, dass hier auch Menschen kommentieren, welche die verschiedensten Meinungen haben. Den Titel "Spion" mag ich sehr, da er so subjekitv, unüberlegt und gespickt von Urteilsbildungen über Menschen sind, welche sich einfach nur Sorgen, dass Politik ohne den Bürger gemacht wird und dieses vertreten und durch einen möglichst breiten Konsens an konsenswilligen und interessierten Bürgern, welche ihre individuellen Ressourcen einbringen möchten, Thematik für Thematik bearbeiten, um eine möglichst konsensuale, durch viele Meinungen durchdachte und durch Beteiligung eines Jeden willigen entstandene Position anzubieten. Im übrigen sind Freiheitsrechte wohl die immanentesten Bürgerrechte, auf denen sich alles weitere und detailiertere aufbaut!

    Bei geistigem Eigentum soll auch nicht geraubt werden, was widerum die Uninformiertheit und das Unverständnis
    von Opponenten zeigt. Es soll vergütet werden, jedoch
    zu Gunsten des Schaffenden. Diese bekommen im besten Fall
    von einem Label für einen BÜ-Vertrag 12%-23% für ihr Werk, bei einem Künstlervertrag beträgt die Marge ca. 4%-14% vom Händlerabgabepreis. Letzteres beinhaltet meist das Abtreten der Persönlichkeitsrechte ebenso. Hier und da mögen Margen auch höher liegen. Wer als verdient und
    profitiert ein Künstler nun gut oder eher weniger an seinem Werk? Da bieten sich neue Möglichkeiten für den Künstler, für den Konsument!

    Es wirkt hilflos und weniger ehrlich, wenn Menschen aus und Wähler von etablierten Parteien sich auf die Debatte und Position des Urheberrechts festschießen oder starke, aber inhaltslose Kampfparolen brüllen. So Frau von der Leyen bei Günther Jauch. Ehrlichkeit sieht anders aus, Kompetenz heisst auch mal sich Fehler oder Versäumnisse
    einzugestehen, statt Kampfparolen und schwammige Aussagen zu treffen. Das ist ehrlich und menschlich!

  • Widerstrebt mir zwar, Tipps zu geben, aber im ersten Schritt sollte sich die CDU vielleicht darüber klar werden, daß sie verloren hat - und zwar massiv.
    Alle Institute haben mit ihren meinungsbildenden Vorhersagen fantastisch daneben gelegen, die CDU über 30% gesehen.

    Und wenn's so sein sollte, dass tatsächlich Nichtwähler reaktiviert worden sind, was ich nicht glaube, dann ist jedenfalls mehr vom Gletscher abgeschmolzen als die Nichtwähler aufschneien konnten.
    Und wer nur mal zur Wahl geht für eine Partei ohne Inhalt, läßt es nächstes Mal schon wieder sein.

    Das Phänomen Piraten zu begreifen, ist wirklich einfach. Die Generation Twitter glaubt allen Ernstes, das Smartphone sei Ausdruck ihrer Generation und sie der Erfinder. Deshalb fühlt sie sich angesprochen von stubenhockerischen Stereotypen wie "Freiheit im Netz". War da mehr? Die SPD könnte den Piraten die Luft raus lassen, indem sie die Phrase "Freiheit im Netz" übernimmt.

    Tatsächlich hängt eine ganze Generation und mehr noch dem Konsumrausch an. Sie wird aus vollen Rohren verApplet und verramscht. Ältere Zeitgenossen sind bei der Twitterei vorsichtiger, wie ich in Gesprächen erfuhr, wegen der persönlichen Daten und den peinlichen Entäußerungen langweiliger Gewohnheiten.

    Piraten verstehen sowieso nichts, haben keine Kultur, kein Geschichtsbewußtsein, mangelhafte Allgemeinbildung und ein grottenschlechtes Deutsch. So fühlt man sich im Netz natürlich pudelwohl.

    Und die Frage nach dem Raub geistigen Eigentums läßt sich auch leicht klären: es reicht nicht zu rauben, man muß auch intellektuell im Stande sein zu verstehen, welche Bedeutung dem Raubgut zukommt. Genau da liegt die Krux - zur Tscherbyscheff-Aproximation führt nur der Weg über viel Arbeit. Wer es vereinnahmt, hat keine Freude dran, kann's nicht mal anweden; und der Wissende wird den Hochstapler auch noch erkennen. Kurz: wer nicht weiß, wie Gold ausschaut, findet auch keines.

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