Nordrhein-Westfalen Wahl 2017

NRW vor der Wahl
Die Generalprobe

Selten wurde einer Landtagswahl so viel Bedeutung zugemessen wie der in NRW. Es heißt nicht mehr Laschet gegen Kraft – sondern Merkel gegen Schulz. Je näher die Entscheidung rückt, desto ungewisser scheint das Ergebnis.
  • 0

Aachen/Brilon/DuisburgWer Angela Merkel an diesem Samstag in Aachen beobachtet, könnte glauben jemand habe sie soeben aus dem Winterschlaf geweckt und auf die Bühne gestellt. Die sonst so ruhige und rationale CDU-Chefin wirkt plötzlich angriffslustig. Zeitweise sogar fast populistisch, wie auf dem Burtscheider Platz in Aachen, als sie über Staus in der Länge von der Erde bis zum Mond spricht. „Sie sind doch nicht dümmer als die Menschen in Bayern. Wenn es Ihnen hier schlechter geht, liegt das daran, dass die Politik das Problem ist”, ruft Merkel den über 2000 Zuhörern entgegen, die sich bis in die anliegenden Straßen gequetscht haben.

Was das Gemüt der Kanzlerin so belebt, sind die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Hier passiert gerade, was vor wenigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hatte: Armin Laschet, Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen CDU, könnte Noch-„Landesmutti“ Hannelore Kraft (SPD) tatsächlich als nächster Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes ablösen. Und genau das avanciert nicht nur zur Gefahr für Kraft, sondern zur Generalprobe für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

„Kleine Bundestagswahl“ wird die Entscheidung um die Vormachtstellung zwischen Rhein und Ruhr immer wieder genannt. Nicht etwa, weil die Bundestagswahlen stets das Ergebnis der vorausgegangenen NRW-Wahlen spiegeln, sondern weil die Entscheidung innerhalb der Parteien Ton und Moral der nächsten Monate setzt.

Für die SPD steht deswegen besonders viel auf dem Spiel. War mit dem Auftauchen von Martin Schulz auf der bundespolitischen Bühne Anfang Januar und dem darauffolgendem Umfragehoch noch die Rede vom mysteriösen „Schulz-Effekt“, sprechen viele mittlerweile schon von einem „Schulz-Malus“. Im Bundestrend fallen die Sozialdemokraten nach aktuellen Umfragen von Infratest Dimap auf nur 27 Prozent, während die CDU ihren Vorsprung sogar noch auf 37 Prozent weiter ausbauen konnte.

Als Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ihre Herausforderin Anke Rehlinger (SPD) bei den Landtagswahlen im Saarland Ende März mit überragenden 40 Prozent in die Schranken wies, maßen die Sozialdemokraten das dem Amtsbonus zu. Spätestens nach der Niederlage von Schleswig-Holsteins Noch-Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) am vergangenen Wochenende zieht dieses Argument nicht mehr.

Und nun überholt auch noch der als chancenlos eingestufte Laschet eine zunächst siegessichere Kraft. Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen sehen die CDU aktuell bei 32, die SPD bei 31 Prozent. Mehr als 13 Millionen Menschen sind an diesem Sonntag aufgerufen ihr Kreuzchen zu machen. Und die Stimmung im bevölkerungsreichsten Bundesland könnte unterschiedlicher nicht sein. Je nachdem, wo man fragt.

Bei einem gemeinsamen Auftritt mit Merkel in Brilon, im Hochsauerlandkreis, sind die meisten der über 2000 Anwesenden CDU-Wähler. Knapp 47 Prozent konnte die Partei bei den vergangenen Kommunalwahlen hier gewinnen. Auf die Frage, was sie von Laschet als Spitzenkandidat halten, verziehen einige nur die Mundwinkel. „Nicht sehr viel“, aber man wähle halt CDU. Andere zeigen sich überzeugter, nachdem der Landesvorsitzende seine Rede gehalten und sich als Anwalt der ländlichen Regionen stilisiert hat. „Ich bin unzufrieden mit der Kraft. Ich werde zum ersten Mal CDU wählen“, erzählt eine Lehrerin danach. Unzufrieden sind in Nordrhein-Westfalen viele Bürger.

Seite 1:

Die Generalprobe

Seite 2:

Rote Tradition

Kommentare zu " NRW vor der Wahl: Die Generalprobe"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%