NSU-Opfer: „Ich hoffe, dass jeder Helfershelfer bestraft wird“

NSU-Opfer
„Ich hoffe, dass jeder Helfershelfer bestraft wird“

Semiya Simsek war vierzehn, als ihr Vater erschossen wurde. Erst elf Jahre später wurde klar: Er war das erste Opfer der Neonazi-Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben.

Frau Simsek, in ihrem Buch schildern Sie ausführlich das Leben Ihres Vaters und Ihrer Familie vor dem Mordanschlag - seinen Weg vom Schafhirten zum erfolgreichen Blumengroßhändler. Ist das Buch auch eine Art Denkmal für Ihren Vater?
So kann man es sagen. Es war mir wichtig, gerade meinen Vater zu beschreiben. Elf Jahre lang haben andere von ihm erzählt, aber nicht wie er wirklich war. Mal galt er als Drogendealer, mal soll er etwas mit der Drogenmafia zu tun gehabt haben, mal mit der PKK. Aber niemand wusste: Was ist das denn für ein Mensch? Wie stand er zu seiner Familie? Das war mir wichtig, dass ich ihn beschreibe und dass die Leute ihn kennenlernen.

Ihre Familie wurde mit vielen Verdächtigungen konfrontiert.
Was ich am härtesten meiner Mutter gegenüber empfand: Dass die Ermittler mit einem Foto ankamen, auf dem eine Frau abgebildet war, und sagten, das sei die Geliebte von meinem Vater. Er habe zwei Kinder mit ihr und lebe in Nürnberg. Die kamen wirklich mit einem Bild und wollten uns klar machen, dass ich Geschwister hätte. Und du denkst: Nein, das kann doch gar nicht sein. Und falls doch - wie gehe ich damit um? Ich war damals 14. Ein anderes Beispiel: Sie sagten meiner Mutter, mein Vater habe Drogen geschmuggelt. Er habe das Geld nur über Drogen verdient, das sei kein gutes Geld. Die wollten meiner Mutter wirklich klar machen, dass er mit Rauschgift gehandelt habe.


Wie haben Freunde und Bekannte darauf reagiert?
Ich trenne zwischen Familie und Umfeld. Das Umfeld, das sind für mich Leute, die mit mir in der gleichen Straße, im gleichen Ort wohnen. Da gab es Leute, die gesagt haben: Der hat doch immer so viel gespendet, so viel Gutes getan. Vielleicht wollte er ja schmutziges Geld waschen. Kann man mit Blumen wirklich so viel Geld verdienen? Warum wird denn wohl auf jemanden geschossen? Dafür muss es doch einen Grund geben - so haben viele wirklich gedacht.

Hat sich hinterher jemand von den Ermittlern bei Ihnen entschuldigt?
Nein, von denen kam gar nichts. Wir sind nicht einmal von der Polizei informiert worden, als klar wurde, wer den Mord begangen hat.


Ist mittlerweile in Ihrer Familie Ruhe eingekehrt?
Ruhe kann man das nicht nennen. Als herauskam, dass Neonazis geschossen haben, war das für uns der zweite große Schock. Und wir dachten: Das haben wir doch früh genug befürchtet, warum hat man uns nicht ernst genommen? Wie können Vorurteile gegenüber Ausländern so ausgeprägt sein, dass sie die ganzen Ermittlungen beeinflussen? Manche Väter könnten vielleicht sogar noch am Leben sein, wenn richtig ermittelt worden wäre. Die Vorstellung tut mir weh.

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„Ich habe versucht, fair zu bleiben.“

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