NSU-Prozess mit der Wende
Zschäpe will kein NSU-Mitglied gewesen sein

Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Zschäpe bricht ihr Schweigen: Im NSU-Prozess entschuldigt sie sich bei den Opfern und berichtet von ihrer Liebe zu Mittäter Böhnhardt. Schuld an den Taten seien nur er und Mundlos.
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MünchenDie mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe will kein Mitglied des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) gewesen sein. „Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück“, ließ Zschäpe ihren Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch im NSU-Prozess erklären.

Zuvor hatte die 40-Jährige bestritten, an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein, die die Bundesanwaltschaft dem NSU vorwirft. Ihre Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten sie erst hinterher darüber informiert. Als sie davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen.

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess will jeweils erst im Nachhinein von den Taten ihrer Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erfahren haben. Das geht aus Zschäpes Aussage hervor. Mundlos und Böhnhardt hätten ihr einen von ihnen begangenen Mord an einem türkischstämmigen Mann erst im Jahr 2000 gestanden, erklärte Zschäpes Verteidiger Grasel im Namen seiner Mandantin am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München.

Am 13. Juni 2001 war der 49-jährige Türke Abdurrahim Özüdogru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen worden, am 27. Juni 2001 in Hamburg Süleyman Tasköprü (31) in seinem Lebensmittelladen.

Auch an dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn sei sie nicht beteiligt gewesen, behauptete Zschäpe. Böhnhardt und Mundlos hätten erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten. Ein Polizist hatte den Angriff überlebt. Das Motiv für den Polizistenmord von Heilbronn galt bislang als unklar.

Bei den Opfern der Terrorgruppe hat Tschäpe sich entschuldigt. Die Schuld für die Verbrechen trügen allerdings Böhnhardt und Mundlos. „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, ließ Zschäpe erklären. „Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück.“

Mit ihrer Aussage hat Zschäpe ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen im Münchner NSU-Prozess gebrochen. Ihr vierter Pflichtverteidiger Matthias Grasel begann am Mittwoch mit der Verlesung eines Textes von Zschäpe, in dem die Angeklagte zunächst Angaben zu ihrer Biografie machte.

Darin schilderte die in Jena aufgewachsene Zschäpe unter anderem die Alkoholprobleme ihrer Mutter, die Geldprobleme der Familie und ihre Beteiligung an kleineren Diebstählen. Zschäpe ist angeklagt, für zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge aus rechtsextremen Motiven mitverantwortlich zu sein.

Zschäpe berichte auch von ihrer Beziehung zu den beiden anderen mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. In der Aussage heißt es: An ihrem 19. Geburtstag habe sie Böhnhardt kennengelernt.

Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit Mundlos zusammen gewesen. Kurz nach Mundlos' Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschließend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die von Mundlos.

Grasel hatte im Vorfeld eine umfassende Erklärung angekündigt: Zschäpes Aussage soll Angaben zu allen Anklagepunkten enthalten, die die Bundesanwaltschaft dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vorwirft, darunter zehn vorwiegend rassistisch motivierte Morde.

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Zschäpe lächelte – und ließ sich bereitwillig fotografieren

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