Obama-Besuch
Sie haben 15 Minuten, Frau Bundeskanzlerin

Dass es sich lohnen kann, einen gerechten Krieg zu führen, will Barack Obama auch mit seiner Reise durch Europa unterstreichen. Wenig Zeit bleibt dem US-Präsidenten dabei für die politische Klasse in Deutschland.

BERLIN. Stehen in der arabischen Welt die aktuellen Konflikte der USA mit Iran, Irak und Afghanistan im Vordergrund, stellen die Stationen Obamas in Deutschland und Frankreich ab heute die historischen Bezüge zum Zweiten Weltkrieg her. An der Normandieküste wird er Samstag der Landung der Alliierten im Juni 1944 gedenken.

In Deutschland ist der Besuch des ehemaligen KZ Buchenwald der wichtigste Programmpunkt für den Präsidenten. Es gibt kaum ein stärkeres Symbol für einen gerechten Krieg als den Kampf gegen Hitler-Deutschland. In seiner Rede in Buchenwald wird Obama die Weltöffentlichkeit daran erinnern, dass Amerika in früheren Kriegen Großartiges erreicht hat. Schließlich wurden die Gefangenen in Buchenwald am 11. April 1945 von der 3. US-Armee befreit. Einer der Soldaten, die wenige Wochen vor Kriegsende bis Thüringen und Sachsen vorstoßen konnten, ist ein Onkel Obamas gewesen, weshalb dem Präsidenten dieser Teil seiner Reise auch persönlich wichtig ist. Dass Amerika in den Krieg zog und so auch den verfolgten und bedrohten Juden in Europa half, ist ebenfalls ein Teil der politischen Botschaft. Denn Obamas Hinwendung zur muslimischen Welt und seine Forderungen gegenüber Israel, die er bei seiner Rede in Kairo erneuerte, werden in den USA von den jüdischen Angehörigen des Ostküsten-Establishments mit großer Skepsis beobachtet.

In letzter Minute kam noch ein Abstecher in das US-Militärhospital im pfälzischen Landstuhl in Obamas Programm – eine Referenz für die in Afghanistan und Irak eingesetzten Soldaten, deren Verletzungen in Landstuhl behandelt werden.

Wenig Zeit bleibt dem Präsidenten für die politische Klasse in Deutschland. Nur mit Mühe gelang es der Bundesregierung, ein Treffen Obamas mit Kanzlerin Angela Merkel zu arrangieren. Und es findet auch nicht in Berlin, sondern in Dresden statt. Die Elbmetropole war den Amerikanern als Symbol für den Wiederaufbau lieber als die Hauptstadt. In Berlin hielt Obama im Wahlkampf 2008 zwar eine Rede vor Tausenden begeisterter Menschen, als Präsident jedoch kam er bislang noch nicht an die Spree.

Viel Zeit für Dresden hat Barack Obama nicht. Ein Besuch im Grünen Gewölbe, wo die Kunstschätze der sächsischen Könige ausgestellt sind, sowie ein kurzer Blick in den Zwinger – das muss genügen. Dazwischen gibt es die einstündige Begegnung mit Merkel, wobei der Vier-Augen-Teil gerade einmal mit 15 Minuten angesetzt ist. Das habe aber nichts mit dem angeblich kühlen Verhältnis zwischen dem Präsidenten und der Kanzlerin zu tun, wird in Berlin versichert.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier reist erst gar nicht nach Dresden; vielleicht war ihm ein kurzer Statistenauftritt neben Merkel zu wenig.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%