Obrigheim geht still vom Netz
Betreiber hoffen auf längere Laufzeiten

Keine Kamerateams, keine Demonstranten, keine Politiker – in aller Stille soll Obrigheim die letzten Kilowattstunden Strom produzieren. Bis Mitte Mai werde das Atomkraftwerk vom Netz sein, genau lasse sich das aber nicht sagen, erklärt der Betreiber Energie Baden-Württemberg (EnBW). Das habe technische Gründe. Aber offenbar auch politische: Die EnBW will dem Abschalten des Reaktors ein Stück seiner Brisanz nehmen.

HB DÜSSELDORF. Obrigheim in Baden-Württemberg ging vor rund 36 Jahren ans Netz und ist nach Stade das zweite Atomkraftwerk, das nach dem Atomkonsens den Betrieb vorzeitig – vor Erreichen der Altersgrenze – einstellen muss. Biblis A und B, Brunsbüttel und Neckarwestheim I müssen in den Jahren 2007 bis 2009 folgen – wenn alles nach Plan verläuft. „Aber das ist längst nicht beschlossene Sache“, sagt ein hochrangiger Energiemanager. Nach 2006, also nach der Bundestagswahl und einem eventuellen Regierungswechsel, müsse die Frage noch einmal auf die Tagesordnung. Was die Branche will, ist ein offenes Geheimnis: Sie will den Konsens nicht komplett kippen, aber die bestehenden Kraftwerke länger am Netz lassen.

Das Abkommen hat die rot-grüne Bundesregierung 2001 mit den Kraftwerksbetreibern ausgehandelt. Die Regierung setzte den Ausstieg aus der Kernenergie durch, die Versorger verhinderten, dass er sofort umgesetzt wurde. Neue Atomkraftwerke dürfen zwar nicht mehr ans Netz, den bestehenden Anlagen wurden aber Reststrommengen zugebilligt. So darf ein Reaktor im Schnitt 32 Jahre alt werden, bis er den Betrieb einstellen muss.

Im Prinzip kann die Branche mit dem Abkommen leben. Neue, teure Atomkraftwerke will derzeit ohnehin kein Versorger bauen und nach jahrzehntelangen hitzigen Debatten kann die Branche seither vergleichsweise in Ruhe arbeiten.

Das Thema ist heikel. Offiziell wagt sich kein Energiemanager aus der Deckung. „Wir fühlen uns an den Kompromiss gebunden“, sagt etwa EnBW-Chef Utz Claassen. „Ob es zu einem Regierungswechsel kommt, entscheidet der Wähler, und ob die nächste Regierung eine Laufzeitverlängerung wünscht, bleibt abzuwarten“, sagt Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher: „Wir bleiben jedenfalls bei unseren Planungen.“ Ein Stimmungswechsel ist nur in Nuancen feststellbar. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es sinnvoll, die Laufzeiten unserer Kernkraftwerke wieder zu verlängern“, sagte Eon-Chef Wulf Bernotat jüngst, fügte aber eilig hinzu: „Das ist eine politische Frage. Wenn sie von der Politik aufgegriffen wird, werden wir mit ihr darüber reden.“

Hinter vorgehaltener Hand fallen deutlichere Worte. Wirtschaftlich reizvoll wäre eine Laufzeitverlängerung für die Versorger allemal. Die Anlagen sind weitgehend abgeschrieben und der Betrieb, verglichen mit Kohle und Gas, günstig. Technisch und wirtschaftlich betreiben lassen sie sich rund 50 Jahre – also viel länger als es der Atomkonsens derzeit vorsieht.

Die Branche spielt auf Zeit – und hofft auf einen Stimmungswechsel in der Bevölkerung. Mit steigendem Ölpreis soll die Kernenergie an Attraktivität gewinnen. Die Frage schon jetzt zu diskutieren, sei nicht sinnvoll, sagt etwa RAG-Chef Werner Müller. Nur wenn eine Korrektur am Atomkonsens von einer breiten Mehrheit getragen werde, sei sie sinnvoll, sagt ein Energiemanager: „Was bringt es, wenn eine andere Regierung den Konsens kippt – und die alte vier Jahre später wieder ans Ruder kommt und den Sofortausstieg beschließt?“

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