OECD-Report zum Gesundheitswesen
Die Deutschen sind Weltmeister im Pillenschlucken

Nur durchschnittlich gut, aber überdurchschnittlich teuer: Die OECD stellt dem deutschen Gesundheitswesen keine guten Noten aus. Und nirgendwo so oft operiert wie hierzulande.

BerlinIn Deutschland fließt immer mehr Geld ins Gesundheitswesen: In den vergangenen Jahren hat sich der Ausgabenanstieg mit zwei Prozent pro Jahr zwischen 2009 und 2013 allerdings etwas verlangsamt. Statt um preisbereinigt 2,8 Prozent stiegen die Ausgaben nur um zwei Prozent pro Jahr. Dies ergibt sich aus dem aktuellen Bericht der OECD zur Lage der Gesundheitssysteme in den Industrieländern, der am Mittwoch in Paris vorgestellt wurde. Doch eine richtig gute Nachricht ist das eigentlich nicht.

Denn erstens ginge der Kostenanstieg in der gesamten OECD auch als Folge der Finanzkrise deutlich stärker zurück, nämlich von 3,4 auf nur noch 0,6 Prozent pro Jahr. Zudem sind die Ausgaben seit 2013 als Folge der Gesundheitspolitik auch der aktuellen Bundesregierung wieder deutlich stärker gestiegen.

Dies betrifft vor allem die Arzneimittelausgaben. Die seien inzwischen wieder alarmierend hoch, so der stellvertretende Generalsekretär der OECD Stefan Kapferer. 2013 lagen sie kaufkraftbereinigt bei 678 Euro pro Einwohner und damit 30 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. In Europa toppt das nur ein Land: Griechenland. Im vergangenen Jahr stiegen dort die Arzneimittelpreise sogar um sieben Prozent, nachdem sie zwischen 2009 und 2013 stagniert hatten.

Nach wie vor leidet Deutschland dem Bericht zufolge auch unter Überkapazitäten bei Krankenhäusern. Nur in Österreich landen noch mehr Patienten in einem Jahr im Krankenhaus, als in Deutschland. Mit 252 Entlassungen aus einer Klinikbehandlung pro tausend Einwohner liegt Deutschland um 60 Prozent über EU-Durchschnitt.

Beim Bettenangebot liegen deutsche Kliniken, trotz zahlreicher Schließungen in den vergangenen Jahren, noch immer auf dem vierten Platz aller OECD Länder. Selbst die Schweiz, das teuerste Gesundheitssystem in Europa, kommt mit 4,7 Betten pro tausend Einwohner aus. In Deutschland sind es 8,3.

Unter Qualitätsgesichtspunkten bedenklich findet es Kapferer, der 2009 bis 2011 Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium war, besonders bedenklich, dass Zuckerkranke in Deutschland besonders oft im Krankenhaus landen.

„Das ist ein Indiz dafür, dass es Mängel bei der Betreuung von Diabetes-Kranken in der ärztlichen Praxis gibt.“ Kein Ausweis von besonderer Qualität, sondern eher ein Indiz dafür, dass das Überangebot an Kliniken in Deutschland auch zu überflüssigen Leistungen führt, ist nach wie vor nur in der Schweiz Menschen häufiger an der Hüfte operiert werden. Während im OECD-Durchschnitt 2013 161 von 100.000 Einwohnern ein neues Hüftgelenk bekamen, waren es in Deutschland 283.

Für die hohen Arzneimittelausgaben in Griechenland gibt es die Erklärung, dass dort vor allem teure Originalpräparate auf dem Markt sind und preiswerte Nachbauten von aus dem Patentschutz gelaufenen Pillen, so genannte Generika, kaum eine Rolle spielen.

In Deutschland ist ein ganzes Ursachenbündel verantwortlich. So wurde Anfang 2014 der Zwangsabschlag deutlich gesenkt, den Hersteller patentgeschützter Medikamente den Krankenkassen gewähren müssen. Zudem kamen eine Reihe sehr teurer innovativer Medikamente auf dem Markt, etwa Hepatitis-C-Präparate. „Das sind eher Kosten, die ein reiches Land wie Deutschland hinnehmen muss“, so Kapferer. Schließlich handele es sich hier um Medikamente, mit deren Hilfe Hepatitis C erstmals wirklich geheilt werden kann.

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