OECD-Studie
Ungleichheit nimmt in Deutschland drastisch zu

Hohe Gehälter wachsen in Deutschland stärker als niedrige - und das in einem Ausmaß, wie in kaum einem anderen europäischen Land. Nur Finnland und Schweden haben einen größeren Schub Richtung Ungleichheit zu verzeichnen.
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BerlinDie Einkommensungleichheit in Deutschland ist nach einer OECD-Studie in den vergangenen Jahren erheblich stärker gewachsen als in den meisten anderen Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Nur Finnland und Schweden hätten innerhalb Europas einen noch größeren Schub in Richtung Ungleichheit verzeichnet, teilte das Berliner Büro der OECD am Montag mit.

Doch während die beiden nordischen Länder noch immer zu den ausgeglichensten Gesellschaften zählen, rangiert Deutschland innerhalb der OECD nur noch im Mittelfeld. In den 80er und 90er Jahren war dagegen die Ungleichheit in Deutschland relativ niedrig.

Wie die Studie ergab, verdienten etwa im Jahr 2008 die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher mit im Durchschnitt 57.300 Euro etwa achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent mit 7400 Euro. In den 90er Jahren habe das Verhältnis noch bei sechs zu eins gelegen. Der OECD-Durchschnitt ist neun zu eins.

In Deutschland ist demnach besonders stark das Phänomen ausgeprägt, dass die bereits hohen Haushaltseinkommen deutlich stärker anstiegen als die kleinen Einkommen. Insgesamt nahmen in den vergangenen zwanzig Jahren pro Jahr die Haushaltseinkommen im Schnitt um 0,9 Prozent zu. In der untersten Einkommensklasse betrug die Steigerung jedoch lediglich 0,1 Prozent, während die reichsten zehn Prozent ihr Einkommen jährlich um 1,6
Prozent steigern konnten.

Hauptursache für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist der Studie zufolge in der gesamten OECD die Entwicklung der Löhne und Gehälter, die 75 Prozent des Haushaltseinkommens ausmachen. Die Lohnschere zwischen den obersten und untersten zehn Prozent ging der Studie zufolge in den vergangenen fünfzehn Jahren in Deutschland um ein Fünftel weiter auf.

Auch die zunehmende Teilzeitbeschäftigung habe ihren Anteil an der wachsenden Ungleichheit. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten erhöhte sich seit 1984 demnach von knapp drei auf mehr als acht Millionen Menschen. Weniger arbeiten demnach vor allem Geringverdiener: Während diese vor zwanzig Jahren im Schnitt noch auf tausend Arbeitsstunden im Jahr kamen, kommen sie jetzt nur noch auf 900 Stunden. Menschen aus oberen Einkommensklassen arbeiten dagegen unverändert 2250 Stunden.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Die Unternehmer, Banker und Politiker wollten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschands noch weiter erhöhen.
    Statt Bildung, Kreativität und gesellschaftliche Visionen zu fördern (Einigkeit, und Recht und Freiheit, danach last uns alle streben), war es für sie opportun, 15 Jahre in Folge die Löhne zu senken und Mobilität bis zum Zerreissen aller familiären und sozialen Bande zu fördern.
    Damit haben sie ihr Ziel erreicht, und Deutschlands mit Brot und Spielen unterhaltene Arbeitssklaven haben die anderen -noch etwas menschlicheren- Euroländer an die Wand gespielt und zu verschuldeten Binnenmärkten degradiert.

    Ich bin nicht am Jammern - ich arbeite im tropischen Afrika unter erschwerten Bedingungen und mir geht's gut.
    Ich mache aber auch keine Dehnungsakrobaten-Übungen für die "Flexibilität des Geldes", also für die Finanzinteressen der Reichen Nettozinsempfänger, denen der Verlust der Arbeiter und Angestellten zu fließt.

  • Jetzt ist Deutschland an der Reihe
    Am Nachmittag hatte Kanzlerin Merkel noch gute Stimmung verbreitet - am Abend fuhr ihr dann Standard & Poor`s dazwischen. Die Ratingagentur senkte den Ausblick praktisch für die ganze Eurozone. Auch Deutschland könnte nun bald sein Top-Rating verlieren. Berlin reagierte verschnupft.
    Deutschland hat in den letzen 100 Jahren nie auf der Gewinnerseite gestanden, warum sollte sich das jetzt geändert haben, liebe Frau Merkel?
    Sind vielleicht die Deutsche so schnell klüger geworden?
    Nein, denke ich, wenn man die Kommentaren hier im HB liest.
    Schadenfreude ist auch eine Freude.

  • Stimmt, wer wirklich Lesitung erbringen will, ist flexibel. Und Geld ist noch flexibler.

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