OECD-Untersuchung belegt Mangel an Hochschulabgängern
Bildungsmisere bremst deutsche Wirtschaft

Die im internationalen Vergleich geringe Zahl von Abiturienten und Hochschulabsolventen in Deutschland ist nach einer OECD-Studie mitverantwortlich für die aktuelle Wachstumsschwäche der Bundesrepublik. Mehr und bessere Bildung der Erwerbsbevölkerung, vor allem mehr hoch qualifizierte Nachwuchs-Akademiker, hätten in allen wichtigen Industrienationen wesentlich zur Steigerung der Arbeitsproduktivität beigetragen.

bag/ost/wb BERLIN. „In Deutschland ist dagegen in den 80er- und 90er-Jahren wenig passiert“, sagte Andreas Schleicher von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der die wichtigsten Industrieländer organisiert sind.

Die Bildungsstagnation habe in Deutschland den Anstieg der Arbeitsproduktivität entsprechend gedämpft, heißt es in der am Dienstag in Berlin vorgestellten Analyse der Organisation. Im Schnitt der in der OECD organisierten Industrieländer wird rund die Hälfte des BIP-Wachstums pro Kopf auf den Anstieg der Arbeitsproduktivität zurückgeführt. Seit Mitte der 90er-Jahre liegen die Wachstumsraten in Deutschland unter dem Durchschnitt in der Euro-Zone.

Ökonomen stützen die These der OECD. „Der Standort Deutschland hat von der Bildungsseite her in den vergangenen Jahren massiv gelitten“, betont auch Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Das ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland derzeit wirtschaftlich so schlecht dasteht.“ Schließlich sei Wissen „einer der entscheidenden Produktionfaktoren des 21. Jahrhunderts“. Auch Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, mahnt: „Eine Gesellschaft, die an der Bildung spart, bringt sich um ihre Zukunftschancen.“

Weil andere Länder frühzeitig massiv umgesteuert haben, bleibt Deutschland nach OECD-Berechnungen mittlerweile sowohl bei den Gesamtausgaben für Bildung als auch beim Anteil Hochqualifizierter „weit hinter dem OECD-Durchschnitt zurück“. Ganz aktuell gebe es zwar eine erfreuliche Trendwende: Der Anteil der Studienanfänger ist von 1998 bis 2001 von 28 auf 35 % gestiegen. Doch das ist immer noch viel weniger als in vergleichbaren Staaten. Verschärfend kommt hinzu, dass das „Potenzial damit fast erschöpft ist“, so Schleicher. Denn in Deutschland haben nur 42 % der Schulabgänger einen hochschultauglichen Abschluss – im OECD-Mittel sind es 57 %.

Um die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen, empfahl OECD-Experte Schleicher der Bundesrepublik, „prinzipiell jedem jungen Menschen die Tür zur Hochschulbildung zu öffnen“. Das Diplom durch das zweistufige Bachelor/Mastersystem zu ersetzen gehe „in die richtige Richtung“. Politisch hat sich die Bundesrepublik zwar auf dieses Ziel der EU verpflichtet, die Realisierung steht jedoch noch ganz am Anfang.

Die Wirtschaft schlägt angesichts der Bildungsmisere Alarm. „Wenn es nicht gelingt, die dringend notwendigen Reformen in unseren Bildungssystemen zügig und mit Nachdruck voranzutreiben, werden wir aus der ersten Liga der Industrie- und Technologiestandorte absteigen“, warnt Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Die BDA mahnt umfassende Strukturreformen an. Fast einem Viertel der Jugendlichen fehle faktisch die Ausbildungsreife. Nur entschlossenes Handeln der Bildungspolitik heute sichere in Zukunft Produktivität, Wirtschaftswachstum und Wohlstand in Deutschland.

„Wir verzehren unser Saatgut“, mahnt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig-Georg Braun, mit Blick auf die alarmierenden OECD-Ergebnisse. „Dieser Substanzverlust ist die denkbar schlechteste Grundlage für die künftige Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. In vielen Bereichen haben wir ohnehin den Anschluss an die Weltspitze schon verloren.“

Abhilfe ist nicht in Sicht. So klagt der Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE): „Die Zahl der Studienanfänger in der Elektro- und Informationstechnik ist in diesem Jahr gesunken, die Zahl der Absolventen 2002/2003 mit etwa 6 000 niedriger als erwartet. Da der Bedarf bei mindestens 13 000 Absolventen pro Jahr liegt, hat dies Konsequenzen für den Innovationsstandort Deutschland.“

Herbert Kircher, Geschäftsführer der IBM Deutschland Entwicklung GmbH, hatte gerade vor kurzem heftig kritisiert, dass Deutschland den Anschluss in wichtigen Technikfeldern „fast völlig verpasst“ habe. Als noch schlimmer bezeichnete er es, dass es keine Zeichen einer Aufholjagd gebe und dass auch keine Regierungserklärung entsprechende Ankündigungen enthalte.

Die Enkel der Dichter und Denker

Pisa hat alle wachgerüttelt: Schonungslos zeigt die Studie die Schwäche deutscher Schüler im internationalen Vergleich:
Pisa-Test: Nach der im Jahr 2000 erhobenen Studie unter 15-Jährigen rangiert Deutschland auf Platz 21 von 32 untersuchten Ländern. In Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften – überall liegen deutsche Mittelstufenschüler unter dem Durchschnitt.
Ganztagsschulen: Im internationalen Vergleich muss Deutschland noch aufholen. 4 Mrd. Euro sollen bis 2007 in den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen investiert werden.
Ausbildung: Die Wirtschaft klagt über den Mangel an fähigen Bewerbern für Lehrstellen. Alleine das Handwerk rechnet bis Ende 2003 mit 15 000 Stellen, die deshalb nicht besetzt werden können.

Quelle: Handelsblatt

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