Ökonom Straubhaar
„Deutsche Bildungspolitik ist nicht vorwärts gewandt“

Studenten besetzen Hörsäle, Schüler demonstrieren für mehr Lehrer – beim Bildungsstreik nehmen die jungen Menschen ihre Bildungseinrichtungen in den Würgegriff. Ökonom Thomas Straubhaar geht mit den Protestlern hart ins Gericht, verschont im Interview aber auch die Politk nicht.
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Herr Professor Straubhaar, auch Ihre eigenen Vorlesungen fielen wegen der Hörsaalbesetzungen an der Uni Hamburg aus. Was dachten Sie angesichts der protestierenden Studierenden?

Es waren gemischte Gefühle: Als Professor will ich die bestmögliche Lehre bieten, schließlich zahlen die Studierenden mit ihren Gebühren dafür und haben ein Anrecht auf entsprechende Gegenleistung - da ist es nicht akzeptabel, wenn Vorlesungen ausfallen. Andererseits sehe ich in Demonstration und Protest Grundpfeiler der demokratischen Kultur an der Uni und in der Gesellschaft. In diesem Fall werden sie aber falsch eingesetzt: Statt die Politik wachzurütteln, schüren die Protestler Konflikte mit ihren eigenen Kommilitonen und blockieren das Tagesgeschäft der Bildungseinrichtungen. Die Demonstrationen würden wesentlich mehr bringen, wenn sie vor den zuständigen Ministerien stattfänden.

Politiker beschwören die Bildung stets als zentrales Zukunftsthema, dennoch gibt es kaum Fortschritte - woran liegt das?

Statt die Zukunft zu gestalten, wird in Deutschland seit Jahren die Vergangenheit verwaltet. Der letzte politische Befreiungsschlag war doch die Agenda 2010, damit wollte die rot-grüne Koalition Gestaltungsspielräume zurückgewinnen. Solche wegweisenden Ansätze sehe ich derzeit nicht. Die Politik ist nicht vorwärts gewandt, Zukunftsthemen stehen generell nicht im Zentrum der Bemühungen und die Frage des "wohin" wird schlicht nicht gestellt. Stattdessen sind die Politiker gezwungen, die Vergangenheit zu bewältigen: Die finanziellen Folgen alter Versprechungen werden abgearbeitet. Aber durch die zunehmende Verschuldung und die damit verbundenen Zinsbelastungen schwinden die Handlungsmöglichkeiten immer weiter. Es muss deprimierend sein, wenn man als Politiker zum Gestalten gewählt wurde und dann - im Amt angekommen - die großen Pläne kippen muss.

Was sind denn konkret die Bremsschuhe für eine moderne Bildungspolitik?

Der Föderalismus ist zum Problem für das System geworden: Grundsätzlich ist der Wettbewerb zwischen den Ländern ein kluger Gedanke, jedes Land ist im Optimalfall ein Innovationslabor mit ganz eigener Stoßrichtung. Wir sehen jedoch regelmäßig die negativen Effekte, die Bildungshoheit der Länder führt zu einer Erstarrung. Hier müsste der Bund viel stärker aktiv werden und in Form der Rahmengesetzgebung das Zentralabitur oder andere bundesweit verbindliche Bildungsstandards vorgeben. Doch die Bundespolitiker trauen sich nicht, weil die Länder reflexartig abblocken - viele Volksvertreter wollen sich schlicht nicht mit den Parteifreunden in den Ländern anlegen.

Welche Rolle sollte denn der Bund beziehungsweise der gesamte Staat bei der Bildung spielen?

Aus meiner Sicht wäre die zentrale Vorgabe der Ziele die vornehmste Aufgabe, der Weg dorthin sollte dezentral den einzelnen Bildungseinrichtungen im Gegenzug freistehen. Es geht um das Ergebnis, nicht um den Aufwand! Gerade mit Blick auf die korsettartigen Strukturen der Bologna-Regelwerke muss man doch festhalten, dass eine Universität selbstsicher genug sein sollte, sich eigene Leistungs- und Qualitätsstandards zu setzen. Von außen aufgedrückte Standards würden nur die mittelmäßigen Hochschulen als Maßstab nehmen: Gute Einrichtungen brauchen keine Durchschnittsstandards, weil sie sowieso weitaus höhere Anforderungen stellen, schlechte würden sich mit aller Macht dagegen wehren.

Was könnten denn die Studierenden tun, um eine Entwicklung in die richtige Richtung in Gang zu bringen?

Der Protest müsste viel konstruktiver sein, die gegenwärtige Kampagne ist inhaltsleer, banal und rückwärtsgewandt. Statt klassenkämpferischer Parolen wie zur Zeit der 68er sollten Konzepte für die kommenden 20 Jahre im Zentrum stehen. Wer heute die Universitätsleitungen oder Professorinnen und Professoren als Gegner sieht, hat die Veränderung der vergangenen Jahrzehnte nicht verstanden.

Kommentare zu " Ökonom Straubhaar: „Deutsche Bildungspolitik ist nicht vorwärts gewandt“"

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  • banal und rückwärtsgewandt sind die gegenwärtigen Proteste nur für jemanden, der sich nicht genug damit beschäftigt hat.
    Wir sind im 21 Jhdt. angekommen und haben die Fehler der letzten 20 Jahre der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche nun in Form einer umfassenden Krise zu spüren gekommen.
    Es ist klar dass sich jetzt was ändern muss und das wir in die Zukunft der Studierenden investieren müssen und nicht in die nächste Finanzblase.

  • Wir in Würzburg haben den Audimax zu einem Raum gemacht, in dem wir uns mit der Zukunft von bildung konstruktiv und basisdemokratisch beschäftigen. Mit der besetzung des Audimax wollen wir niemandem schaden und keine Vorlesungen blockieren. Da aber so eine Aktion nicht zentral geplant wurde, gab es bei uns am Anfang auch ausfallende Vorlesungen. Jetzt hat die Unileitung sämtlichen Veranstaltungen, die eigentlich im Audimax stattfinden sollten, alternative Räume zur Verfügung gestellt, weshalb keine einzige mehr wegen der besetzung ausfällt. Dieses Wochenende wurden unsere Forderungen (wie z.b. die Forderungen nach Demokratie und Transparenz in den Entscheidungen an der Universität oder der Forderung, das bildungssystem nicht zu ökonomisieren und damit freie Forschung zu verhindern) abgestimmt.
    Diese sind keine klassenkämpferischen Parolen.
    Felix aus Würzburg

  • Herr Prof. Straubhaar fordert mit dem Ruf nach einem bundeszentralabitur für die Schulen genau das, was er für die Hochschulen mit überzeugenden Gründen ablehnt, nämlich die Fremdbestimmung der bildungsziele. Es ist kein Zufall, dass das Grundgesetz in Art. 7 den Schulen in freier Trägerschaft die Freiheit der Lehrziele garantiert. Die Freiheit der pädagogischen Wege reicht nicht aus, wenn wir ein kreatives, qualitätsorientiertes Schulwesen anstreben. Das Zentralabitur fördert die Mittelmäßigkeit statt den Qualitätswettbewerb auch auf der Ebene der bildungsziele; für den Hochschulbereich hat Straubhaar das schon klar erkannt. Wenn die Hochschulen auf unterschiedlichen Leistungsniveaus arbeiten dürfen und sollen, dann müssen sie auch unter den Studienbewerbern frei auswählen dürfen, ohne gezwungen zu sein, jeden zu nehmen, der ihnen eine von der Schule verliehene "Hochschulzugangs-berechtigung" vorzeigen kann und jeden ablehnen zu müssen, der einen solchen "Schein" der Studierfähigkeit nicht besitzt.
    Die Freiheit der Hochschulen und die Freiheit der Schulen bedingen einander!
    Eckhard behrens, Heidelberg

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