Ökonomen zu Griechenland
„Athen sollte Sprung in eigene Währung wagen“

Ungewohnt einig sind sich Deutschlands Top-Ökonomen am Tag nach dem Referendum. Das Wort Grexit taucht in nahezu jedem Statement auf. Folge der Abstimmung sei eine Katastrophe. Die Analysen – von Fratzscher, Sinn und Co.
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Das Referendum in Griechenland endet mit einem deutlichen „Nein“ zur Sparpolitik der Geldgeber – und einem Aufschrei deutscher Ökonomen. Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts, rät der griechischen Regierung sofort „den Sprung in die eigene Währung“. Es sei absehbar, „dass die Verhandlungen über einen weiteren Rettungsschirm nur noch mehr Zeit kosten, ohne zum Erfolg zu führen“.

Für ein neues, drittes Hilfsprogramm fehle die Grundlage, schreibt auch Commerzbank-Chefsvolkswirt Jörg Krämer in seiner Analyse. „Ohne neue Kredite wird Griechenland am 20. Juli wohl nicht in der Lage sein, seine von der EZB gehaltenen Staatsanleihen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro zurückzuzahlen.“

Wegen der sich abzeichnenden Zahlungsunfähigkeit des griechischen Staates wiederum sei es schwer vorstellbar, dass die EZB die Obergrenze der Notkredite für griechische Banken (88,6 Milliarden Euro) anhebt. Somit dürfte den griechischen Banken bald die Liquidität ausgehen. „Wir gehen davon aus, dass die griechischen Banken diese Woche nicht öffnen werden“, prognostiziert Krämer.

Krämer skizziert folgendes Szenario: Der griechischen Regierung wird in den kommenden Wochen kaum etwas anderes übrigbleiben, als eine neue Währung als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Bedienstete, Lieferanten und Rentner mit Schuldscheinen zu bezahlen und diese als Parallelwährung zu etablieren, halten die Commerzbank-Volkswirte dagegen für kaum noch möglich, weil die Bürger diese Schuldscheine mangels Vertrauen nicht als Zahlungsmittel akzeptieren würden.

„Es läuft auf einen Grexit hinaus“, sagt auch BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels. Die Euro-Gruppe habe die Wahl, „entweder das Gesicht zu verlieren und nachzugeben oder den Grexit zu riskieren und unbekanntes Terrain zu betreten“, so der Experte. DIW-Präsident Marcel Fratzscher erwartet in den kommenden Wochen einen kompletten Zusammenbruch des griechischen Bankensystems: „Ein Grexit ist und bleibt die schlechteste Option für Griechenland, aber sie wird immer wahrscheinlicher“, sagte er.

Für die Ökonomen ist die Zeit jetzt der problematischste Faktor. Die Verhandlungsposition der Griechen habe sich keineswegs verbessert, sagt Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. Ganz im Gegenteil sei mit langwierigen Verhandlungen zu rechnen. „Doch die Zeit läuft ab, weil die Banken bald gar keine Auszahlungen mehr leisten können. Vieles hängt von der EZB ab, doch auch für sie ist es durch das Nein nicht leichter geworden.“

So bewerten die Ökonomen die Situation Griechenlands nach dem Referendum:

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  • Barry Eichengreen zur Schuldenkrise„ Griechenland braucht einen Marshallplan“: Natürlich braucht Griechenland einen Marshallplan. Wie sollte es auch anders wieder auf die Füße kommen mit einer Wirtschaft, die völlig am Boden liegt und auch in den Jahren von 2000 bis 2015 mit Hilfe aus Steuergeldern der EU –Staaten in eine Sackgasse gelockt worden ist, ein Land, das zum Spielball von Dilettanten wurde, die 1988 beschlossen, die deutsche Einheit gibt es nur über die Zwangsvereinigung Europas, weit weg von demokratischen Umgangsformen miteinander, über eine Währungsunion zu einer EUDSSR, zu der aber auch Griechenland als „Keimzelle Europas“ gehören muss – ein Beitrag tumber Politiker und überwiegender deutscher Staatsbürger mit Halbbildung. Vernünftige Staatsbürger in Deutschland haben in den 90er Jahren bis hinauf zum BVerfG mit Bildern gewarnt, die wir heute sehen – und nicht nur in Griechenland, sondern bei genauerem Hinsehen bis in unser Land: Die Zwangsvereinigung Europas war ein Misserfolgsmodell, das bis heute zu fast irreparablen Schäden geführt hat, die zwar dem imperialistisch geprägten Vermögens- und Finanzbereich unwahrscheinlichen Reichtum beschert, aber der Masse der Menschen in Europa nur traurige Wahrheiten offerierten, auch als Lehrbeispiel, wie eine Demokratie nicht funktionieren kann. Was Griechenland auch braucht, ist vor allem die Erkenntnis: Das war der völlig falsche Weg einer europäischen Einigung – Und je eher wir umkehren, umso besser für die Menschen in Europa. Die Erkenntnis, daß man die Einigung Europas nicht einigen Vertrauten des imperialistischen Großkapitals wie Draghi und Juncker überlassen darf, die keinerlei demokratische Legitimation besitzen, aber alle Vollmachten zu handeln.

  • @ Benzinkanister
    Das mit dem Sumpf und den Fröschen könnte man natürlich auch gut für das sonntägliche Referendum anwenden !!!!!

  • Ich frage mich ernstlich, ob nicht unsere Fachleute unter Quarantäne gestellt werden sollten.
    Warum nur sollten die Griechen aus dem Euro und der Union freiwillig austreten? Was hätten die Griechen davon?
    Alle Zuflüsse von aussen sind zusätzliche Schulden und festere Knebel. Kommen die weiterhin ... fein! Kommen die nicht, dann eben nicht. Das Land benötigt für die Binnenwirtschaft ein funktionierendes Tauschmittel. Kommt vom Schwarzmarkt oder von der Regierung. Alle weltweit valutierbaren Währungen gibt es zusätzlich. Punkt.
    Der Rest sind die Probleme der Aussenwelt..
    Pleite ist pleite. Erst durch den Ausschluß von Gläubigern wird der Binnenbesitz wieder werthaltig. Und der ist ja da. Importieren kann man mangels Zahlungsfähigkeit sowieso nicht.
    Bleiben die Kostbarkeiten "Mitglied" zu sein. Dies ist der einzige Wert, der noch Aussenwirkung hat. Warum sollten die Griechen ersatzfrei darauf verzichten? Weil die Griechen dümmer als die Fachleute sind? Geht das überhaupt?

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