Ökonomen zu Griechenland: Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW

Ökonomen zu Griechenland
„Athen sollte Sprung in eigene Währung wagen“

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Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW

„Einen Konflikt zwischen zwei Vertragspartnern lässt sich nicht dadurch lösen, dass man ein einseitiges Referendum abhält, das den Konflikt nur bestätigt. Auch wenn sich die Regierung Tsipras nun innenpolitisch bestätigt fühlt, so steht sie wirtschaftlich weiterhin vor dem Scherbenhaufen ihrer Politik. Mit dem gestrigen Mehrheitsvotum sind die Voraus-setzungen für eine Besserung der Lage in Griechenland schlechter und nicht besser geworden.

Die ökonomisch inkompetente und gegenüber den europäischen Partnern offen feindselig auftretende Regierung hat in den ersten sechs Monaten ihrer Amtszeit nicht nur kostbare Zeit vergeudet, sondern sie hat durch ihr chaotisches Agieren die ökonomische Entwicklung des Landes weit zurückgeworfen und das Vertrauen nicht nur der europäischen Partner, sondern – wichtiger noch – der so dringend benötigten Investoren pulverisiert. Nun steht zu befürchten, dass der das gesamte Land lähmende Attentismus, also die abwartende Haltung in der Hoffnung auf eine sich bessernde Situation, in die nächste Runde geht.

Darunter werden am stärksten diejenigen zu leiden haben, denen sich die amtierende griechische Regierung besonders verpflichtet zu fühlen glaubt, nämlich die Schwächsten der Gesellschaft. Diese sind dringend darauf angewiesen, dass die institutionelle Dysfunktionalität in Griechenland überwunden wird, damit marktfähige Produktionsstrukturen entstehen können, ohne die sich der allgemeine Lebensstandard nicht heben lässt.
Das Eurosystem hat keinerlei Mandat, die Reformunwilligkeit der griechischen Regierung monetär zu alimentieren. Um die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik nicht weiter zu beschädigen, muss (und kann) sich die EZB vor dem nationalen Missbrauch der Druckerpresse schützen, indem sie das griechische Bankensystem von der Geldschöpfungsmöglichkeit ausschließt.

Damit sieht sich das Land nun dem härtesten monetären Regime gegenüber, das es jemals hatte. Auch diese Konsequenz stand implizit zur Wahl beim gestrigen Referendum. Ein drittes Hilfsprogramm ist unter den jetzigen Bedingungen kaum in Sicht. Damit rückt vermutlich der Austritt des Landes aus dem Euroraum näher, auch wenn damit keines der Kernprobleme des Landes gelöst wird.“





Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Ökonomen zu Griechenland: „Athen sollte Sprung in eigene Währung wagen“"

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  • Barry Eichengreen zur Schuldenkrise„ Griechenland braucht einen Marshallplan“: Natürlich braucht Griechenland einen Marshallplan. Wie sollte es auch anders wieder auf die Füße kommen mit einer Wirtschaft, die völlig am Boden liegt und auch in den Jahren von 2000 bis 2015 mit Hilfe aus Steuergeldern der EU –Staaten in eine Sackgasse gelockt worden ist, ein Land, das zum Spielball von Dilettanten wurde, die 1988 beschlossen, die deutsche Einheit gibt es nur über die Zwangsvereinigung Europas, weit weg von demokratischen Umgangsformen miteinander, über eine Währungsunion zu einer EUDSSR, zu der aber auch Griechenland als „Keimzelle Europas“ gehören muss – ein Beitrag tumber Politiker und überwiegender deutscher Staatsbürger mit Halbbildung. Vernünftige Staatsbürger in Deutschland haben in den 90er Jahren bis hinauf zum BVerfG mit Bildern gewarnt, die wir heute sehen – und nicht nur in Griechenland, sondern bei genauerem Hinsehen bis in unser Land: Die Zwangsvereinigung Europas war ein Misserfolgsmodell, das bis heute zu fast irreparablen Schäden geführt hat, die zwar dem imperialistisch geprägten Vermögens- und Finanzbereich unwahrscheinlichen Reichtum beschert, aber der Masse der Menschen in Europa nur traurige Wahrheiten offerierten, auch als Lehrbeispiel, wie eine Demokratie nicht funktionieren kann. Was Griechenland auch braucht, ist vor allem die Erkenntnis: Das war der völlig falsche Weg einer europäischen Einigung – Und je eher wir umkehren, umso besser für die Menschen in Europa. Die Erkenntnis, daß man die Einigung Europas nicht einigen Vertrauten des imperialistischen Großkapitals wie Draghi und Juncker überlassen darf, die keinerlei demokratische Legitimation besitzen, aber alle Vollmachten zu handeln.

  • @ Benzinkanister
    Das mit dem Sumpf und den Fröschen könnte man natürlich auch gut für das sonntägliche Referendum anwenden !!!!!

  • Ich frage mich ernstlich, ob nicht unsere Fachleute unter Quarantäne gestellt werden sollten.
    Warum nur sollten die Griechen aus dem Euro und der Union freiwillig austreten? Was hätten die Griechen davon?
    Alle Zuflüsse von aussen sind zusätzliche Schulden und festere Knebel. Kommen die weiterhin ... fein! Kommen die nicht, dann eben nicht. Das Land benötigt für die Binnenwirtschaft ein funktionierendes Tauschmittel. Kommt vom Schwarzmarkt oder von der Regierung. Alle weltweit valutierbaren Währungen gibt es zusätzlich. Punkt.
    Der Rest sind die Probleme der Aussenwelt..
    Pleite ist pleite. Erst durch den Ausschluß von Gläubigern wird der Binnenbesitz wieder werthaltig. Und der ist ja da. Importieren kann man mangels Zahlungsfähigkeit sowieso nicht.
    Bleiben die Kostbarkeiten "Mitglied" zu sein. Dies ist der einzige Wert, der noch Aussenwirkung hat. Warum sollten die Griechen ersatzfrei darauf verzichten? Weil die Griechen dümmer als die Fachleute sind? Geht das überhaupt?

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