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Ökonomenstreit: Krämer will Frieden

exklusivIm Interview mit einer Dortmunder Studentenzeitung hatte Ökonom Walter Krämer seinen Kollegen Bofinger eine „akademische Nullnummer“ genannt. Nun entschuldigt er sich bei ihm. Die Zitate seien nicht autorisiert worden.

Der Dortmunder Professor Walter Krämer. Quelle: dapd
Der Dortmunder Professor Walter Krämer. Quelle: dapd

DüsseldorfDie Passagen im Interview mit der Studentenzeitung „Pflichtlektüre“ hatten es in sich. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sei eine „akademische Nullnummer“, wetterte Walter Krämer. Über einen „Spiegel“-Journalisten, der einen kritischen Artikel über Hans-Werner-Sinn geschrieben hatte, sagte er: „Diesen Redakteur könnte ich erwürgen und an die Wand klatschen.“

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Der Streit mit Bofinger geht auf den von Krämer initiierten Ökonomenaufruf gegen die Beschlüsse des Euro-Gipfels zurück. Bofinger gehört zu den Gegnern des Krämer-Aufrufs und hatte diesen als „schlimmste Stammtisch-Ökonomie“ bezeichnet. Krämer wiederum warf im Interview den Gegnern des Aufrufs Gehässigkeit vor. „Was von unseren Gegnern an Gehässigkeit in die Tinte geflossen ist, das ist ja kaum zu glauben [...].“

Die Beschlüsse des Euro-Gipfels im Überblick

  • Direkte Bankenhilfe

    Um den Teufelskreis zwischen angeschlagenen Banken und Staatsfinanzen zu durchbrechen, sollen Geldhäuser direkt aus dem Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden, heißt es in der Gipfelerklärung. Durch die Notkredite wird sich dann die öffentliche Verschuldung nicht mehr erhöhen - und die Zinsen könnten sinken. Mit dem Beschluss wird eine Kernforderung Spaniens erfüllt. Aber auch Irland wird in Aussicht gestellt, davon Gebrauch machen zu können, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Die Hilfe soll an „angemessene Bedingungen" geknüpft werden.

  • Bankenaufsicht

    Voraussetzung für die direkte Bankenhilfe ist eine effiziente Aufsicht auf der Euro-Ebene. Die Kommission wurde beauftragt, in Kürze einen Vorschlag für einen entsprechenden Mechanismus zu präsentieren, an dem die Europäische Zentralbank beteiligt sein soll. Die Mitgliedsstaaten werden aufgerufen, den Gesetzesvorschlag vordringlich bis Ende des Jahres zu prüfen.

  • Rettung für spanische Banken

    Das bereits zugesagte Rettungsprogramm für die spanischen Banken soll so schnell wie möglich beschlossen werden. Anders als bislang vorgesehen, sollen die Kredite der Europartner keinen Vorrang vor Krediten der Privatgläubiger haben, wenn das Geld aus dem ESM kommt. Im Falle einer Pleite müssten die öffentlichen Geldgeber also genauso verzichten wie die Privatwirtschaft.

  • Spar- und Reformverpflichtungen

    Länder, die den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachgehen, erhalten einen erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen. Wenn sie die Instrumente - etwa den Aufkauf von Staatsanleihen durch den Fonds - nutzen, müssen sie sich keinem zusätzlichen Anpassungsprogramm unterwerfen. Sie müssen lediglich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Hausaufgaben der Kommission fristgerecht erfüllen. Das ist ein großes Entgegenkommen an Italien, das bislang aus Sorge vor den strengen Konditionen vor dem Griff zum Eurotropf zurückgeschreckt war.

  • Zeitplan

    Die Eurogruppe soll die Beschlüsse bis zum 9. Juli umsetzen.

  • Europäische Integration

    Die Vertiefung der Eurozone wird vorangetrieben. Die Euro-Chefs einigten sich auf die Baustellen: Den Aufbau einer Banken-Union, einer Fiskal-Union und einer politischen Union. Im Arbeitspapier der Vierergruppe um EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy findet sich weiterhin der Unterpunkt einer schrittweisen Ausgabe von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung wies die Mutmaßung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurück, damit sei die Tür zu Euro-Bonds geöffnet. Über die Inhalte soll erst auf dem nächsten Gipfel im Oktober gesprochen werden.

Das Krämer-Interview erschien am 17. Juli auf der Webseite der Studentenzeitung „Pflichtlektüre“ - und kursierte sieben Tage im Netz. Dann griff das Handelsblatt die Textpassagen in einem Artikel auf und verlinkte dabei auch das Interview mit Krämer. Kurz darauf verschwanden die kritischen Zitate Krämers über Bofinger und den Spiegel-Journalisten aus dem Interview. Gegenüber Handelsblatt Online sagte Krämer, das Interview in der „Pflichtlektüre“ enthalte flapsige Nebenbemerkungen und sei ohne Autorisierung veröffentlicht worden. Deshalb habe er die Redaktion um eine Korrektur gebeten.

Der Redaktionsleiter der „Pflichtlektüre“, Tobias Schweigmann, wollte zu den Gründen für die Änderung des Interviews keine Stellung nehmen. „Ich kann mich dazu offiziell nicht äußern“, sagte er auf Anfrage von Handelsblatt Online.

Ökonomen-Streit - Die Geschichte

  • Der ursprüngliche offene Brief

    Initiator des ursprünglichen Protestbriefes war der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer. Einen Entwurf des offenen Briefs hatte IMK-Chef Gustav Horn auf seiner Facebook-Seite öffentlich gemacht und seine Empörung über das Werk zum Ausdruck gebracht. Vor der tatsächlichen Veröffentlichung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Donnerstag (5. Juli 2012) wurden noch kleinere Korrekturen an dem Entwurf vorgenommen.

  • Unterzeichner des ursprünglichen Briefs

    Zu den Unterzeichner gehörten renommierte Wissenschaftler wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Abeit (IZA) und Charles Blankart, Seniorprofessor für Öffentliche Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium. Zunächst unterschrieben 160 Ökonomen, die Zahl kletterte bis zum 9. Juli 2012 auf über 200.

  • Inhalt des ursprünglichen Briefs

    Die Ökonomen kritisieren, dass zu auf dem EU-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu folgenschwere Zugeständnisse gemacht wurden. Die Unterzeichner sehen den „Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge“. Es seien „riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar“ für die „Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder“ nicht in Haftung genommen werden dürften.

    Für ihre Aussagen wurden die Ökonomen scharf kritisiert, unter anderem vom Handelsblatt (dieser Beitrag basierte auf der ersten Entwurfsfassung des offenen Briefs). Ein Kritikpunkt: Die Aussage, dass die solideren Euro-Staaten für die Bankschulden der anderen Länder haften sollten, sei nicht richtig. Vielmehr gehe es allenfalls um eine gemeinsame Einlagensicherung und eine Rekapitalisierung angeschlagener Institute, aber keine Gesamthaftung.

  • Erste Gegenreaktion

    In einem Beitrag für das Handelsblatt reagierten am Freitag (6. Juli 2012) sieben bekannte Ökonomen rund um den ehemaligen Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup.

    „In einer solchen Situation kann es nicht die Aufgabe von Ökonomen sein, mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern“, heißt es darin.

    Zu den Autoren des Beitrags zählten zudem Peter Bofinger (Uni Würzburg), Gustav Horn (IMK), Michael Hüther (IW), Dalia Marin (LMU), Friedrich Schneider (DIW Berlin) und Thomas Straubhaar (HWWI).

  • Protest aus der Politik

    Finanzminister Wolfgang Schäuble kritisierte den ursprünglichen Protestbrief scharf. „Finanzwissenschaftler sollten eigentlich mit dem Begriff Bankenschulden verantwortlich umgehen“, sagte Schäuble im RBB-Inforadio. Stattdessen würde eine Verwirrung der Öffentlichkeit betrieben. „Ich finde das empörend.“

  • Zweite öffentliche Gegenreaktion

    Am Freitagabend (6. Juli 2012) machte ein zweiter offener Brief die Runde, in der sich ebenfalls prominente Ökonomen gegen die Aussagen des ursprünglichen Protestbriefs stellten. Mit dabei: Michael Burda (HU Berlin), Martin Hellwig (MPI Bonn), Hans-Helmut Kotz (Ex-Bundesbankvorstand), Jan Pieter Krahnen (Uni Frankfurt), Dennis Snower (IfW Kiel) und Beatrice Weder di Mauro (Ex-Sachverständigenratmitglied).

    „Ein gemeinsamer Währungsraum mit freien Kapitalströmen kann ohne eine Europäische Bankenunion nicht sinnvoll funktionieren“, hieß es darin. „Die Beschlüsse auf dem letzten EU Gipfeltreffen gehen deshalb in die richtige Richtung.“

  • Sondergutachten der Sachverständigen

    Ebenfalls am Freitag (6. Juli 2012) präsentierte der Sachverständigenrat der Bundesregierung ein Sondergutachten zur Lage der Euro-Zone. Darin begrüßten sie die Gipfelbeschlüsse als zumindest kurzfristig richtig, eine langfristige Lösung gebe es aber nach wie vor nicht. Die gemeinsame Währung sei in ihrem Bestand gefährdet. Sie verteidigten ihr Modell eines Schuldentilgungsfonds.

    Der Sachverständige Peter Bofinger hatte auch die erste Gegenreaktion gegen den ursprünglichen Ökonomen-Protestbrief unterzeichnet.

Krämer sagte, er habe sich inzwischen bei Herrn Bofinger für seine Äußerungen entschuldigt. Den Medien - und explizit dem Handelsblatt - warf er vor, Streit unter Ökonomen stiften zu wollen. Streit zwischen Ökonomen gebe es jedoch allenfalls auf persönlicher, aber kaum auf wissenschaftlicher Ebene, so Krämer. Zwischen seinem Aufruf, und dem Gegenaufruf gebe es inhaltlich keine großen Unterschiede. Dies zeige sich auch daran, dass einige Kollegen beide Aufrufe unterzeichnet hätten. Unterstützung bekommt Krämer in diesem Punkt vom Münchner Wirtschaftsprofessor Andreas Haufler. Die beiden Stellungnahmen von Professoren seien „nur scheinbar gegensätzlich“, argumentiert er.

Anders hatten sich jedoch führende Köpfe des Gegenaufrufs der Ökonomen Frank Heinemann und Gerhard Illing ausgedrückt. „Der Aufruf [von Krämer] hat mich aufgeregt,“ sagte zum Beispiel der Präsident des Vereins für Socialpolitik, Michael Burda. Der Stil des Briefs habe die Politik verärgert. Er sei zu emotional und nationalistisch gewesen. Auch der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sagte, der Aufruf von Krämer sei „sehr emotional“ und „nicht hilfreich“ gewesen.

  • 26.07.2012, 10:30 UhrWolfgangPress

    Kennen Sie den meist gehassten Mann Asiens? Sein Name: George Soros!

  • 26.07.2012, 10:28 UhrWolfgangPress

    Oder beides! Eine Nullnummer und ein Depp.

  • 26.07.2012, 09:42 Uhrandycaoonn

    In Deutschland ist es inzwischen soweit gekommen, dass kritische Bemerkungen von Fachleuten reflexartig als "nationalistisch" tituliert und damit abgewertet werden sollen. Damit sollen gleich alle regierungskritischen Stimmen in eine bestimmte rechte Ecke gestellt werden. In Wirklichkeit ist es bitte nötig, dass sich die Politiker mal endlich wieder um deutsche Interessen kümmern. Hollande vertritt die Interessen Frankreichs, Monti die italienischen Interessen usw. Nur die deutschen Politiker sind die einzigen in Europa, die sich in erster Linie um Europa kümmern. Wer glaubt denn noch ernsthaft, dass sich die anderen sog. Europäer für Europa oder gar für Deutschland interessieren? KEIN MENSCH!

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