Online-Wahlkampf
Lehrstunde von der Web-Wunderwaffe

Thomas Gensemer hat den Online-Wahlkampf für Barack Obama geführt und gilt als Web-Wunderwaffe und digitaler Guru. In Köln erteilte der US-Stratege nun den deutschen Parteien eine Lehrstunde.

KÖLN. Es ist ein beschwingter Auftritt für Thomas Gensemer. Der junge Mann im eng geschnittenen grauen Anzug springt auf die Bühne des Kölner Medienforums und spricht von Barack Obama. Davon, wie er für den Präsidentschaftskandaten das soziale Netzwerk my.barackobama.com aus dem Boden stampfte, das zuletzt rund 14 Millionen Anhänger zählte. Wie er im Wahlkampf mit zwei Milliarden E-Mails die Massen mobilisierte. Wie er durch die Online-Kampagne mehr als eine halbe Milliarde Dollar Wahlkampfspenden reinholte. Mittlerweile gilt der Managing Partner der US-Internet-Agentur Blue State Digital als Präsidentenmacher, Web-Wunderwaffe und digitaler Guru. Es ist leicht, so eine Erfolgsgeschichte zu erzählen.

Weniger leicht haben es die deutschen Wahlkampfstrategen der Parteien, die neben Gensemer auf dem Podium sitzen und sich eine Lehrstunde abholen müssen. In Deutschland naht die Bundestagswahl. Also heißt das Motto „Von Obama siegen lernen?“

Gensemer befürchtet jedoch eine gewisse Beratungsresistenz. „Gerade in Europa schlägt mir viel Skepsis entgegen. Die Kandidaten und ihre Wahlkampfmanager suchen oft nur nach Ausreden, warum der Obama-Stil bei ihnen eben nicht funktionieren kann - zu kurzer Wahlkampf, das Parteiensystem, wenig glamouröse Kandidaten“, sagt Gensemer schon vor der Veranstaltung dem Handelsblatt.

Von den anwesenden Politikern übernimmt heute Kajo Wasserhövel diese Rolle. „Natürlich wollen wir alle kleine Obamas sein“, wirft der oberste Wahlkämpfer der Sozialdemokraten in die Rund. Doch es gebe „strukturelle“ Unterschiede. Eine Mobilisierung der Wähler über das Internet funktioniere in Deutschland nun einmal nicht in dem Maße wie in Amerika. CDU-Wahlkampfmanager Stefan Hennewig stellt zumindest seine Technik-Affinität unter Beweis: Während Gensemer seine prophetischen Thesen zur politischen Online-Kommunikation verkündet, tippt der Christdemokrat wie wild auf seinem Blackberry herum. Eigentlich müssten ihn die US-Erfahrungen interessiern, schließlich ist er bei der CDU für Citizen Relationship Management zuständig, also für das Bürgerbeziehungsmanagement. Das scheint noch ausbaufähig: Das parteieigene Online-Netzwerk „Team Deutschland“ zählt aktuell erst 14 340 Anhänger. Die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, findet die deutschen Parteien gar nicht so schlecht, ihre eigene natürlich eingeschlossen: „Ich bin eine gut etablierte Twitterin“, beteuert sie. Und auch Hans-Jürgen Beerfeltz, der für die FDP-Kampagnenplanung verantwortlich zeichnet, ruft geschäftig: „Der Guido Westerwelle gruschelt sogar bei StudiVZ.“

Tatsächlich sind die deutschen Wahlkämpfer in der Defensive. Zwar betreiben alle Parteien eigene Online-Portale, liefern RSS-Feeds, sind auf Youtube, Facebook oder Myspace präsent, bloggen und twittern. Doch im Vergleich zum Obama-Onlinewahlkampf scheint es sich dabei noch um eine Betaversion zu handeln.

Web-Wunderwaffe Gensemer drückt sich den Knopf für die Simultanübersetzung ins Ohr und lauscht der deutschen Debatte. Manchmal lächelt er, zuweilen schüttelt er den Kopf. „Die Regeln, Positionen und Köpfe mögen von Wahl zu Wahl und von Land zu Land unterschiedlich sein“, sagt er dem Handelsblatt. „Aber die Leitidee gilt für alle: Wer seine Unterstützer in der Kampagne aktiv werden lässt, kann viel stärkere Bindungen aufbauen.“ People-Powered-Politcs heißt das in der digitalen Demokratie.

Was also empfiehlt der Präsidentenmacher den deutschen Wahlkampfmanagern? „Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, Teil des Wahlkampfteams zu sein“, meint Gensemer. Das bringe sie dazu, anderen zu mobilisieren. „Doch das mag ein schwieriger und beängstigender Gedanke für viele Politik-Strategen sein.“

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