_

Opel: Opel: Protokoll eines gescheiterten Gipfels

Nacht der Entscheidung im Kanzleramt? Die Kanzlerin und ihre Minister haben alles vorbereitet, die Rettung von Opel scheint sicher. Doch dann kommt alles anders. General Motors will mehr Geld. Die Verhandlungen geraten zum Chaos. Schon im Vorfeld gab es ein schlechtes Omen. Das Protokoll des Scheiterns.

Enttäuschte Gesichter: Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) nach dem Opel-Verhandlungsmarathon. Quelle: Reuters
Enttäuschte Gesichter: Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) nach dem Opel-Verhandlungsmarathon. Quelle: Reuters

saf/gof/hz/pm/ink/str/dri BERLIN/FRANKFURT. Peer Steinbrück und Karl-Theodor zu Guttenberg sitzen auf der Rückbank ihrer Dienstlimousinen, ihr Ziel ist ein wuchtiger Klotz aus Beton und Glas: das Kanzleramt. Mittwochabend, es geht auf 20 Uhr zu. Kurz davor haben sie erfahren, dass ein paar Stunden zuvor eine politische Bombe hochgegangen ist.

Anzeige

Eine Zahl hat die Detonation ausgelöst: 500 Millionen Dollar.

Die Minister wissen, das bedeutet Ärger. Das Ausmaß der Verwüstung bekommen sie gleich im Kanzleramt zu sehen.

Es ist der Tag, an dem die Kanzlerin, der Vizekanzler, der Finanzminister, ihr Wirtschaftsminister die letzten Details einer Notrettungsaktion vorbereiten wollen, auf die das Land wartet: nach Monaten zähen Ringens eine Lösung für ein Großproblem zu finden, einen Käufer für den siechen Autobauer Opel, die Rettung von 25000 Arbeitsplätzen. Die gute Nachricht in schlechter Zeit.

Bis Freitag soll es eine Entscheidung geben, das ist der Plan. Alles, so glaubt die Regierung, ist bestens vorbereitet. Die Angebote bewertet, die kniffligen Fragen zu Bürgschaften und Sicherheiten geklärt, ein Treuhandvertrag ausgearbeitet, den die Amerikaner nur noch unterschreiben müssten.

Doch von einem Moment auf den nächsten geht es nicht mehr darum, ob Merkel, Steinbrück und zu Guttenberg ihrem Volk vor laufenden Kameras einen Beweis ihrer Tatkraft übermitteln können. Ob sie dem Land in der Krise Hoffnung geben und Wähler beeindrucken können. Die Frage lautet plötzlich, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen waren, ob sie die Kräfte ihres Gegners richtig eingeschätzt haben. Oder ob sie sich verzockt haben im großen Opel-Kasino.

Es ist kurz vor 21 Uhr, Mittwochabend, als Steinbrück und zu Guttenberg im kleinen Kabinettssaal im sechsten Stock des Kanzleramts einem schmalen Mann mit hoher Stirn zuhören. "Ich weiß ja, dass ich immer der Überbringer schlechter Nachrichten bin", sagt Carl-Peter Forster, Europa-Manager von General Motors. Leider habe sich ein kurzfristiges Finanzierungsloch von 500 Millionen bei Opel ergeben.

Es dauert einen Moment, bis der Knall seiner Worte verhallt. Kanzlerin Merkel, ihr Vize Frank-Walter Steinmeier, sie trauen ihren Ohren nicht. Es wird laut am rot lackierten Buchentisch. Woher kommt die neue Finanzlücke? Warum war das nicht schon früher klar? Wie schlecht steht es wirklich um Opel? Jede Frage bohrender als die vorige.

Es wird eine lange, eine sehr lange Nacht, und am nächsten Morgen sieht man die matten Gesichter der deutschen Minister, die inmitten der Trümmer nach Ursachen für den schlimmen Unfall suchen. "Wenn das schon so losgeht, dann reichen die 1,5 Milliarden Euro deutscher Staatshilfe ja nie bis zur Übernahme im August", sagt ein Minister. Das Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen hat begonnen.

War sich die Regierung zu sicher?

Dass nicht alles nach Plan laufen würde, hat sich schon am Vorabend abgezeichnet. Peer Steinbrück geht an Bord der "La Paloma", um auf dem Wannsee in Berlin, wie jedes Jahr, die Spargelfahrt des Seeheimer Kreises zu genießen. Der Weißwein mundet, Steinbrück amüsiert die Freunde vom rechten Parteiflügel mit Sprüchen über unbelehrbare Investmentbanker. Da klingelt sein Handy - und die Kanzlerin beendet den gemütlichen Teil des Abends.

  • Die aktuellen Top-Themen
Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.

Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

IWF-Chefin wird deutlich: Lagarde zeigt wenig Mitleid für die Griechen

Lagarde zeigt wenig Mitleid für die Griechen

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, hält den Druck auf Griechenland für angemessen. Ihr Ratschlag an die Griechen: „Sie sollten sich alle zusammen selber helfen, indem sie ihre Steuern zahlen.“