Opferanwalt kritisiert Zschäpe
„Ihr Auftritt war selbstbewusst bis arrogant“

Der NSU-Prozess hat stockend begonnen. Nach Befangenheitsanträgen war erst einmal Schluss – erst am 14. Mai geht es weiter. Doch für Diskussionsstoff ist gesorgt. Für Unmut sorgt das Auftreten der Hauptangeklagten.

BerlinDer Berliner Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler hat das Auftreten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe beim NSU-Prozess in München kritisiert. „Ihr Auftritt war selbstbewusst bis arrogant“, sagte er der „Berliner Zeitung“ nach dem ersten Prozesstag am Oberlandesgericht München. „Sie schien sich im Glanz der Kameras zu sonnen und genoss es offenbar, im Mittelpunkt zu stehen.“ Daimagüler vertritt im NSU-Prozess zwei Opferfamilien. Außerdem kritisierte er die Befangenheitsanträge der Verteidigung gegen den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl als offenkundig unbegründet.

Die Anträge haben schon am ersten Prozesstag zu einer Unterbrechung der Verhandlung für eine Woche gesorgt. Sie soll nun am 14. Mai fortgesetzt werden.

Der von den Familien der NSU-Mordopfer langersehnte Prozess gegen Beate Zschäpe kostet die Angehörigen viel Kraft. „Der Prozessbeginn war für mich anstrengend und sehr belastend“, sagt die Tochter eines Mordopfers, Gamze Kubasik. Dass die Verhandlung unterbrochen wurde, schockte die 27-Jährige aus Dortmund. „Weil ich mich schon emotional und seelisch auf diesen Prozess vorbereitet habe – es ist nicht leicht.“

Gamze Kubasik war gemeinsam mit ihrer Mutter Elif nach München gekommen. Sie wollte der mutmaßlichen Neonazi-Terroristin Zschäpe in die Augen sehen. „Ich habe mir gesagt, wenn sie ein Mensch ist, wird sie das nicht verkraften“, erzählt die junge Frau. „Aber sie war so feige, dass sie uns Familienangehörige nicht angucken konnte.“

Kubasik hatte auf eine menschliche Regung von Zschäpe gehofft, nach dem es so viel Öffentlichkeit um die Morde und die Angehörigen gab. „Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass dort jemand sitzt, der über ein Jahr in U-Haft ist“, sagt Kubasik. „Weil sie so gelassen war und provokativ gelacht hat.“ Einmal, ganz kurz, trafen sich ihre Blicke, wie Kubasik erzählt, doch Zschäpe habe schnell wieder weggeguckt. Was sie über diese Frau denkt? „Man kann das nicht in Worte fassen“, sagt Kubasik.

Viele Fragen beschäftigen Gamze Kubasik zum Tod ihres Vaters Mehmet, der am 4. April 2006 in seinem Kiosk ermordet wurde. Die Antworten erhoffe sie sich vor allem vom Prozess. „Warum gerade mein Vater? War mein Vater ein Zufallsopfer oder wurde er gezielt ermordet? Das sind Fragen, über die ich jeden Tag nachdenke.“

Neben Zschäpe müssen sich vier mutmaßliche Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in dem Prozess verantworten, der als einer der bedeutendsten in der Geschichte der Bundesrepublik gilt. Es handelt sich um den ehemaligen NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und um Carsten S.. Sie sollen die Pistole besorgt haben, mit der neun Morde verübt worden waren. Beide sind wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. André E. und Holger G. wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Zschäpe soll mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den NSU gebildet haben, der für 10 Morde zwischen 2000 und 2007 verantwortlich gemacht wird. Ihr droht lebenslange Haft. Ihre beiden Komplizen hatten sich im November 2011 selbst getötet, um einer Festnahme zu entgehen.

Aus Sicht der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), hat oberste Priorität, dass es durch den NSU-Prozess zu einer „vollständigen Aufklärung dieser menschenverachtenden Morde“ kommt. „Entscheidend ist, dass verloren gegangenes Vertrauen wieder hergestellt wird“, sagte sie der „Passauer Neuen Presse“.

„Viele Migranten haben ihr Zutrauen zum deutschen Rechtsstaat und in seine Institutionen verloren.“ Wichtig für Deutschland sei die sorgfältige Aufarbeitung der rechtsterroristischen Taten. „Dazu gehört auch die Frage, warum die Opfer und ihre Familien lange Zeit unter falschem Verdacht standen.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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