ORF-Intendantenposten
Die Wahl vor der Wahl

Zu schreiben: „Österreich wählt am 17. August“, ist eigentlich falsch, denn ein neues Parlament wird in Wien erst am 1. Oktober gewählt. Und dennoch hat es etwas auf sich mit dem Wahltermin an diesem Donnerstag:

WIEN. Dann nämlich wird in Österreich der neue Chef des allmächtigen öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks (ORF) gewählt. Und die Bedeutung dieser Personalie liegt im Nachbarland irgendwo zwischen der Frage, wer neuer Kanzler und wer neuer Burgtheaterdirektor wird.

Die Wahl ist politisch heikel, so heikel, dass etwa der einstige ORF-Chef Gerd Bacher heute von einer „Parteienschlacht, wie sie seit Kreisky nicht mehr vorkam“, spricht. Der frühere sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky „konnte das genauso, nur infamer“, sagt der 80jährige Bacher, der noch immer mitmischt und bei dem die Enttäuschung eine Rolle spielen dürfte, dass seinem eigenen Favoriten für die Chefrolle, seinem früheren Sekretär, nur Außenseiter-Chancen eingeräumt werden.

Aussichtsreicher sind mit der amtierenden Chefin Monika Lindner und dem ORF-Finanzdirektor Alexander Wrabetz zwei andere Kandidaten. Sie hoffen darauf, vom Stiftungsrat am Donnerstag mindestens 18 Stimmen zu bekommen. Dann haben sie gewonnen. Der Stiftungsrat des ORF besteht aus formal unabhängigen Herrschaften, die sich nicht gerne als Parteisoldaten bezeichnen lassen, von denen allerdings fast jeder auf Vorschlag der ein oder anderen Partei in diesem entscheidenden Gremium sitzt. Lindner ist die Kandidatin der Volkspartei von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der es übrigens ganz in Ordnung findet, dass die Wahl in dieser Woche eine Art Stimmungstest für den Oktober sein kann: „Warum soll der ORF entpolitisiert sein?“, fragt Schüssel entwaffnend ehrlich. „Er ist ein politisches Medium wie eine Zeitung auch.“ Lindners gefährlichster Herausforderer Wrabetz wird dagegen von einer Parteienkoalition unterstützt, in der sich alle anderen im Wiener Parlament vertretenen Richtungen von rot über grün bis blau für die Rechtsliberalen und orange für das rechte Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) finden. Besonders die Unterstützung durch das BZÖ dürfte Schüssel irritieren, denn im Parlament stecken die BZÖ-Abgeordneten in einer Regierungskoalition mit Schüssels Volkspartei.

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