Organhandel
Warteliste in den Tod, Teil 2

Immer mehr Menschen sind zum Überleben auf Fremdorgane angewiesen. Doch immer weniger Menschen spenden sie – und die Politik sieht tatenlos zu. Der zweite Teil des Handelsblatt-Reports.

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Die Halbgötter in Weiß

Kaum eine andere Profession spricht angesichts der akuten Notlage von tausendein von Patienten der Politik, dem Gesetzgeber so vehement Sachverstand, Praxisnähe und Beratungswillen ab wie die Halbgötter in Weiß. Sie selber agieren oft genug im Graubereich nach ihrer eigenen Stände-Ethik. Zwei Ethiken bekämpfen sich im OP: Die Ethik der Menschenwürde und die Ethik des Patienteninteresses. Kaum verwunderlich, dass andere längst resigniert haben, sich wegducken und die Friedhofsruhe vorziehen. Der Leiter der Nephrologie an der Berliner Charite Prof.. Hans-Hellmut Neumayer schaut in einen Abgrund von Politik: „Wer an den Zuständen rührt, stiftet nur Unheil. Der Stillstand ist das Beste, was in Deutschland passieren kann.“ Dabei wollen die Spender nur eines: Leben vererben.

Doch Neumayer trägt wie viele andere Ärzte ein Trauma mit sich: eine ungemein aggressive Diskussion über den Hirntod, die das Transplantationsgesetz vor zehn Jahren begleitete und die Atmosphäre bis heute verätzt hat. Doch während die Mediziner seit zehn Jahren in einer „Angststarre“ (Gutmann) vor der Politik verharrt, feiern Gesundheits-Experten wie Wodarg oder auch der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) die damalige Debatte unisono als Triumph, als „Sternstunde des Parlaments.“ Angesichts der sich drastisch verschlimmernden Situation der Kranken löst solche eitle Selbstzufriedenheit bei Ärzten und Medizinrechtlern Befremden aus. Gutmann ist nicht allein, wenn er einen nationalen Notstand sieht und deshalb mit der Politik hart ins Gericht geht: „Es geht diesen Leuten vor allem darum, sich selbst als moralisch überlegen dazustellen, egal wie viele Menschen dadurch sterben müssen.“

Reinhard Merkel, Rechtsprofessor an der Uni Hamburg: „Die Politiker halten sich weniger an Ethik als an die vorgegebene Parteilinie. Sie müssen auf die Stammwähler schielen“. Genau aus diesem Grund ist er jetzt aus der Enquete-Kommission zur Novellierung des Transplantationsgesetzes ausgestiegen. Finster sein Fazit: „Es wir in absehbar Zeit keine Verbesserung geben.“

In Zeiten leerer Kassen im Gesundheitssystem führen die Befürworter einer Ausweitung vermehrt die Kosten ins Feld: Der Tod auf Raten ist kaum noch zu bezahlen. Die jahrelange Lebensverlängerung durch Dialyse kostet die Krankenkassen mittlerweile durchschnittlich 240 000 Euro pro Patient. Tendenz steigend. Eine Transplantation hingegen amortisiert sich nach einem Jahr. Auf 12 000 Patienten am Apparat und im Schnitt sechs Jahre Wartefrist erhöht sich das Volumen auf knapp 3 Mrd. Euro. Tendenz steigend. Von den Überlebenschancen und der Lebensqualität für die Dialysepatienten gar nicht zu reden.

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