Organspende
Zweifel am Reformwillen der Ärztekammer

Der Organspendeskandal hat Folgen: Gesundheitsminister Bahr fordert härtere Strafen, über wirksame Kontrolle berät heute die Bundesärztekammer. Doch eine Wissenschaftsexpertin stellt deren Arbeitsweise in Frage.
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BerlinGesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will den Organspende-Skandal gemeinsam mit der Opposition klären. Nach der Sommerpause lade er alle Parteien ein, um gemeinsam über Konsequenzen zu beraten und das Vertrauen zurückzugewinnen, sagte der FDP-Politiker der "Bild"-Zeitung.

Mehr staatliche Kontrolle müsse nicht im neuen Transplantationsgesetz verankert werden, mögliche Gesetzeslücken werde man allerdings schließen. "Der Ruf nach staatlicher Organvergabe ist aber keine Lösung", sagte Bahr, der bereits für Ende des Monats Vertreter des Gesundheitswesens zu einem Krisentreffen eingeladen hat.

Zugleich forderte Bahr kriminelle Machenschaften im System der Organtransplantation mit aller Härte zu bestrafen. "Die Gesetze in Deutschland sind klar formuliert. Versuche, sie zu umgehen, müssen mit aller Härte bestraft werden."

Hintergrund sind mutmaßliche Manipulationen in den Unikliniken in Göttingen und Regensburg. Dort sollen ausgewählten Patienten gegen Geld Spenderlebern verschafft worden sein. Die Bundesärztekammer berät heute auf einem Krisentreffen über den Skandal.

Bei einer Sondersitzung der Prüf- und Überwachungskommission in Berlin soll darüber gesprochen werden, wie größtmögliche Transparenz und eine effektive Kontrolle erreicht werden können, um neues Vertrauen in die Organspende zu schaffen. An dem Treffen nehmen neben der Ärztekammer auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung teil, die gemeinsam die Prüfkommission stellen. Auch ein Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums wird zugegen sein.

Vor dem Sondertreffen hat die Wissenschafts-Expertin Erika Feyerabend Zweifel am Reformwillen der Beteiligten angemeldet. „Die berufsständische Vertretung der Ärzteschaft stellt die Regeln zur Verteilung knapper Organe und der Hirntod-Diagnostik auf“, sagte die Geschäftsführerin des Essener Vereins BioSkop, der sich die kritische Beobachtung medizinischer Verfahren zur Aufgabe gemacht hat, der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Sie kontrolliert die Einhaltung dieser Regeln selbst, über die von ihr gegründete Prüfungs- und Überwachungskommission.“

Die Akteure von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen hätten selbst verschiedenste Interessen im Transplantationswesen: „Die Bundesärztekammer möchte das Selbstverwaltungsprinzip erhalten, das versagte“, kritisierte Feyerabend. „Auch die Ministerien und die Krankenkassen haben seit Jahren wenig getan.“

Der Prüfungskommission der Bundesärztekammer seien in ihrem rund zehnjährigen Bestehen 119 klärungsbedürftige Auffälligkeiten bekannt geworden, sagte Feyerabend. „Die Öffentlichkeit erfährt von diesen Fällen nichts.“

Die Kommissionen arbeiteten nur stichprobenartig. Nur ein bis fünf Prozent der Transplantationen würden überprüft. Feyerabend forderte: „Die Kontrollkommissionen müssen mit unabhängigen Experten besetzt werden. Die Prüfberichte müssen öffentlich werden.“ Wer in einer Klinik Vergehen in der Transplantationsmedizin anzeige, müsse besser geschützt werden.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Schade, daß Herr Prof Hoppe nicht mehr Präsident der Bundesärztekammer ist. Ihm konnte man noch abnehmen, daß ihm das Ethos seines Berufsstandes noch etwas bedeutete.
    Jetzt werden von Funktionären Abmachungen für die letzte Bundestagswahl getroffen, in denen man sich verpflichtet die FDP nach Kräften zu unterstützen, wenn diese (wie geschehen) sich verpflichtet das Gesundheitsministerium zu besetzen. Fast jede juristische Untersuchung von Machenschaften von Medizinern wird als unzulässige Stimmungsmache denunziert und verläuft deshalb fast immer im Sande. Wenn die Ärzteschaft keine Kurskorrektur vornimmt, wird sie als nächster Berufsstand, nach den Bänkern und Politikern, ihre Reputation einbüßen! Dann helfen auch noch soviele "Ärztesoaps" nichts mehr.
    Warum erkennen dies die zweifellos, sich in der Überzahl befindlichen "anständigen" Ärzte nicht und sorgen für eine gründliche Ausmistung. Meines Wissens herrscht in der Ärzteschaft keine Omerta. Oder ist die Angst sich als Nestbeschmutzer zu outen doch doch zu groß?

  • "Der Markt" regelt sich selbst...

  • Dieses kranke System kann nur gestoppt werden, wenn keine Organe zum Transplantieren mehr zur Verfügung stehen. (...)
    +++ Beitrag von der Redaktion editert +++

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