Oskar Lafontaine
Herber Punktabzug für den Sieger

Oskar Lafontaine hat die Linke in ungeahnte Höhen geführt. Beim ersten großen Parteitag strafen ihn seine Genossen dennoch ab – aus Neid und für seine Arroganz. Es fehlt das emotionale Band zwischen dem Vorsitzenden und seiner Partei.

COTTBUS. „Das ist ein Denkzettel“, stellt Katina Schubert fest. Und die Frau mit der burschikosen Kurzhaarfrisur, die zu diesem Zeitpunkt noch Vizevorsitzende der Linkspartei ist, kann kaum verhehlen, dass sie die Strafe für den Mann, der in der ersten Reihe des Parteitages zwei Stühle neben ihr sitzt, für verdient hält – Oskar Lafontaine.

Was ist passiert? Um 19.45 Uhr gibt der Wahlleiter in der Messe Cottbus bekannt: Lafontaine bleibt Vorsitzender der Linken – aber nur 78 Prozent der Delegierten haben ihn gewählt. Das sind fast zehn Prozent weniger als beim Vereinigungsparteitag vor einem Jahr. Sein dröger Co-Vorsitzender Lothar Bisky bekommt immerhin 81 Prozent Zustimmung.

Ein Zählfehler? Eine elektronische Panne bei der Ted-Abstimmung? Nur 78 Prozent für den Mann, der die Linken in wenigen Monaten zur dritten Macht im Bund gemacht hat? Dem sie verdanken, dass sie in vier West-Landtage eingezogen sind? Der bundesweite Umfrageergebnisse von bis zu 15 Prozent möglich gemacht und 10 000 neue Mitglieder angelockt hat? – Jede andere Partei hätte einen solchen Vorsitzenden wohl tosend bejubelt und sich am kometenhaften, unerwarteten Aufstieg berauscht.

Nicht so die im Juni 2007 mit der Brechstange aus ostdeutscher PDS und westdeutscher WASG zusammengezimmerte Linkspartei. Wer während Lafontaines Rede an diesem Samstagmittag in die Gesichter der gut 500 Delegierten schaut, sieht kaum leuchtende Augen, sondern Skepsis, viele Sorgenfalten und vor allem Distanz. Sie klatschen pflichtbewusst, doch sie lieben ihn nicht, ihren Oskar – sie ertragen ihn. Begeisterte gibt es in Cottbus nur wenige, und wenn, dann sitzen sie fast alle unter den Delegierten aus dem Westen.

Mit weit vorgebeugtem Oberkörper trommelt Lafontaine aufs Rednerpult, redet sich in Rage, geißelt den „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“. Für den Ruf nach Kontrolle internationaler Kapitalströme, Börsenumsatzsteuer und Verbot von Aktienoptionen bekommt der Linke-Chef noch kräftig Applaus.

Doch schon der wiederholte Bezug auf Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ kommt nicht recht an. Es fehlt das emotionale Band zwischen dem Vorsitzenden und seiner Partei. Die besteht aus drei Truppen, die sich nicht viel zu sagen haben: der traditionellen PDS, den SPDlern sowie den Gewerkschaftern samt den illusionistischen Ex-K-Grupplern aus dem Westen. Lafontaine kann rhetorisch brillieren und kühl analysieren. Die Kluft zwischen sich und der Partei mit Wärme und Aufmunterung überbrücken – das kann er nicht.

Selbst wenn er sich müht, Kritik aufzunehmen, fällt ihm die eigene Arroganz in den Rücken. Wie bei der Geschichte mit der Freiheit und dem Sozialismus. Dass ein Aidskranker in Afrika keine Pressefreiheit brauche, hatte er in einem Interview gesagt – und viele Linke erbost. Nun rückt er das gerade: Seit Rosa Luxemburg sei doch klar, dass Freiheit und Gleichheit den demokratischen Sozialismus bauten. Aber das sei doch „im 1. Semester Mathematik“ klar, blafft Lafontaine – und „macht seine Kritiker lächerlich“, ärgert sich der Bundestagsabgeordnete Roland Claus, einst Vater der rot-roten Duldungs-Regierung in Sachsen-Anhalt.

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