Die Berliner spotten über die amerikanische Trutzburg am Pariser Platz direkt vor dem Brandenburger Tor. Tatsächlich sähe die neue US-Botschaft ohne die Anschläge vom 11. September 2001 wohl anders aus.
BERLIN. Die gewöhnlich nicht zu erschütternde Dankbarkeit der Frontstadt-Berliner gegenüber den amerikanischen Beschützern zeigt plötzlich Risse. Ausgerechnet in Berlins "guter Stube", am Pariser Platz direkt vor dem Brandenburger Tor, wird die Amerika-Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Seit Wochen liegt ein Hauch von Kriegsberichterstattung in der Luft: "Triumph der Banalität", "Versteckte Festung", "Kaum kaschierte Trutzburg", "Banaler Bürobau", "Zu platt, zu schlicht" titeln die Zeitungen des ehemaligen Westsektors kurz vor der offiziellen Einweihung der neuen US-Botschaft. Kalter Krieg unter Freunden? Welcome back in Berlin, America?
Die Hauptstädter können sich mit dem Gebäude, das der amerikanische Freund nach jahrelangem Hin und Her errichtet hat, nur schwer anfreunden. Tief sitzt die Enttäuschung darüber, dass ein "Ami-Bunker das Herz Berlins verschandelt", wie eine lokale Postille tönt. Für die Vox populi und die Presse ist die Yankee-Operation am offenen Herzen von Berlins Mitte ein Desaster. Dabei hatte das US-Außenministerium vor gar nicht allzu langer Zeit auf seiner Website noch stolz das politische Selbstverständnis verkündet: "Eine Botschaft ist ein greifbares Symbol der Präsenz, Identität und diplomatischen Absichten einer Nation im Ausland."
Neue US-Botschaft in Berlin offiziell eröffnet
Aber ist Amerika ausgerechnet am Pariser Platz so runzelig hässlich geworden, wie es die Berliner Blätter und die Volksseele suggerieren? Wäre der Spott auf die Metropole beschränkt, könnte man über den ortsüblichen, überheblichen Lokalpatriotismus hinwegsehen, der mal wieder ganz stramm steht und gen Preußen salutiert. Doch dem ist nicht so. Berlin ist überall. "Bunker oder Baumarkt: Was will uns Amerika mit seiner neuen Vertretung in Berlin eigentlich sagen?", fragt auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Und gibt gleich die verletzende Antwort: "Die Fenster der amerikanischen Botschaft wirken, als hätte sie ein pleitegegangener Bungalowbesitzer in einem Baumarkt bei Fargo gekauft, um seine Behausung für den Winter dicht zu kriegen."
Die traditionell amerikafreundliche Zeitung schaudert es so grauenhaft angesichts des neuen Baus, dass sie nur noch "industriell gefertigte Wegwerfästhetik" und "Plastikkultur der Vorstädte" wahrnehmen will. "Solche Materialien, solche Formen verwendet man bei südarmenischen Tankstellen zur Befestigung des Kassiererhäuschens." Beim Anblick des von versenkbaren Stahlbeton-Pollern geschützten Baus mit seinen extra-starken Mauern und den halbmeterdicken Panzerglasscheiben wähnt sich der FAZ-Autor gar "auf dem Weg in die Green Zone von Bagdad" - die geschützte Zone, in der sich das US-Militär und die irakische Regierung eingeigelt haben. Auch den Berliner Architekturkritiker und Autor Gerwin Zohlen überzeugt die neue Botschaft nicht: "Der Bau sieht aus, als ob eine Nation vom Weltpolizisten zum Selbstverteidiger geworden ist." Es fehle eine Öffnung, eine einladende Geste - und natürlich Eleganz. Das in die Breite gezogene Gebäude wirke wie ein "Pancake", ein Pfannkuchen.
Entworfen hat die neue Residenz am Pariser Platz 2 das Architekturbüro Moore Ruble Yudell aus Santa Monica. Und vielleicht fremdeln die kalifornischen Stararchitekten noch viel mehr mit dem Zweckbau als die deutschen Hauptstädter. Denn letztlich waren es die Zeitläufte, die herbe Korrekturen in die von ihnen am Reißbrett ersonnenen Pläne ätzten. Seit die Verwundbarkeit offener westlicher Botschaften mit den Angriffen auf die US-Vertretungen in Tansania und Kenia vom August 1998 auf tödliche Weise aktenkundig geworden ist, wird aus Baukunst oft Sicherheitsarchitektur. Und hätte es die Anschläge vom 11. September 2001 nicht gegeben, sähe die neue Botschaft in Deutschland wahrscheinlich auch anders aus. Die ästhetischen Verwüstungen sollen in erster Linie die reale Gefahr terroristischer Verwüstungen mildern.
Verwüstungen hatte es am Pariser Platz 2 in der Vergangenheit schon mehrfach gegeben. 1930 kaufte das US-Außenministerium am Standort der heutigen Botschaft für 1,8 Millionen US-Dollar den Palais Blücher als neue Vertretung. Der Palais - benannt nach dem Bezwinger Napoleons bei Waterloo - werde "zweifelsohne das eindrucksvollste und schönste Quartier eines Botschafters in der deutschen Hauptstadt" sein, frohlockte die "New York Times" damals. Doch daraus wurde nichts, denn das prachtvolle Gebäude brannte im Folgejahr - noch vor dem Einzug der Botschaft - aus unbekannter Ursache vollständig aus. In der Rückschau wirkt der Brand wie ein grelles Fanal für das, was da noch auf Deutschland und die Welt zukommen sollte.
Zwar zog 1939 ein Teil der Belegschaft der alten US-Botschaft von der Bendlerstraße im Tiergartenviertel ins renovierte Palais um, aber ohne Botschafter. Denn US-Präsident Franklin D. Roosevelt hatte seinen Statthalter Hugh Robert Wilson schon 1938 aus Berlin abberufen - aus Protest gegen die Novemberpogrome und die Rassenpolitik des Nazi-Regimes. Womöglich auch deshalb scheiterten damals die Pläne von Hitlers Reichsfeldmarschall Hermann Göring, das Palais Blücher den Amerikanern wieder abzuluchsen.
Allerdings brach Washington trotz der Angriffe Hitler-Deutschlands auf Polen, Frankreich und dann auch England die diplomatischen Beziehungen zum damaligen Empire of Evil - zum Reich des Bösen deutscher Nation - vorerst nicht ab. Stattdessen schraubten die Amerikaner in einer Art defensiver Notwehr die drei nationalen Insignien "USA" aufs Dach des Palais, damit die alliierten Bomber sie von weit oben erkennen sollten. Der Abbruch der privilegierten Beziehungen sollte erst im Dezember 1941 folgen, nachdem die Japaner Pearl Harbour angegriffen hatten.
Im folgenden Bombenkrieg und bei der Schlacht um Berlin wurde das Palais schwer beschädigt. Im April 1957 - die DDR firmierte bereits als staatlich verfasster kommunistischer Widerpart zur freien Welt - besorgte Walter Ulbricht den Rest und ließ den Ruinenbau vollends schleifen. Wenn die Amerikaner jetzt von der "Rückkehr" an den Pariser Platz sprechen, obwohl dort bisher nie ein US-Botschafter residierte, und sich dabei auf die "historische Kontinuität" berufen, dann hat das vor allem mit der Besitzfrage zu tun. Denn aus dem Grundbuch hat selbst Ulbricht die Amerikaner nie streichen lassen.
1992 gab die US-Regierung dann ihren Plan bekannt, "auf dem Grundstück der Vereinigten Staaten am Pariser Platz" eine neue Botschaft zu errichten. "Diesen Ort haben wir 40 Jahre lang verteidigt!", brauste der notorisch erboste Botschafter John Kornblum vor knapp zehn Jahren erregt auf, als Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen bei der Eröffnung der 1 000. Filiale von McDonald's
in Deutschland süffisant fragte, ob die USA "am Pariser Platz auch noch mit McDonald's
was machen könne".
Ein Jahr später schon stellte der seinerzeitige US-Botschafter Robert Kimmitt im ehemaligen Todesstreifen am Brandenburger Tor fast trotzig ein Schild auf. Wie zur symbolischen Verteidigung eines erst nach schwersten Kampfhandlungen eroberten Terrains stand darauf geschrieben: "Der einstige und zukünftige Sitz der Amerikanischen Botschaft". Was folgte, war zunächst ein weiterer jahrelanger, äußerst hart geführter Kampf zwischen dem Berliner Senat und dem US-Außenministerium. Aufgrund des von den USA geforderten Sicherheitskorridors von 25 Metern für den 83 Millionen Euro teuren Bau mussten zwei Straßen verlegt und das Holocaust-Mahnmal verkleinert werden.
So feiert Berlin nun mit der neuen US-Botschaft eine Trutzburg im Winkel des Brandenburger Tores. In der Hauptstadt haben ja nicht nur Journalisten ("Bild": "US-Botschaft wie PDS-Hauptquartier!") zu allem eine Meinung - und meistens keine gute. Der berüchtigte Volksmund, der das Kanzleramt Helmut Kohls schon zur "Bundeswaschmaschine" umtaufte, grölt meist recht respektlos heraus, was er selbst für eine Art unheimliche Liebeserklärung hält. Doch bei aller rauchgeschwängerten Kriegsberichterstattung vor dem "4th of July" - dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Amerikas und dem Eröffnungstag der neuen Botschaft - fällt die Beleidigung dann doch gar nicht so böse aus. Denn was ist schon so schlimm an einem "Pancake"?


