0 Bewertungen
28.10.2007 
Verfassungsrechtsreform gefordert

Papier will Staatsverschuldung „substanzielle Grenzen setzen“

Bundesverfassungsgerichts-Präsident Hans-Jürgen Papier schlägt Alarm wegen der Staatsverschuldung. Er ist gegen Staatsausgaben auf Pump.

HB BERLIN. Als dringend hat der Präsident des Bundesverfassungsgerichts eine Reform der Grundgesetzbestimmungen zur Staatsverschuldung bezeichnet. Der Jurist sagte im Deutschlandfunk am Sonntag, die Bestimmungen müssten „strikter und justiziabler und eindeutiger“ formuliert werden. Das gegenwärtige Verfassungsrecht kenne nur eine eine relative Verschuldensgrenze.

Mit dem gegenwärtigen Artikel 115 ist es nach den Worten Papiers dem Bundesverfassungsgericht unmöglich, dem bisherigen rasanten Anstieg der Staatsverschuldung „wirklich substanzielle Grenzen zu setzen“. Darin heißt es: „Die Einnahmen aus Krediten dürfen die Summe der im Haushaltsplan veranschlagten Ausgaben für Investitionen nicht überschreiten; Ausnahmen sind nur zulässig zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts.“

Klarer würden die Grenzen laut Papier dann, wenn „im Grunde fast oder nahezu ein absolutes Verbot verfassungsrechtlicher Art eingeführt würde, Staatsausgaben über Kreditaufnahmen zu finanzieren“. Der Mangel des gegenwärtigen relativen Verschuldensverbots bestehe darin, dass es in erster Linie eine politische Entscheidung sei, ob eine Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts vorliege und mit welchen Mitteln sie bekämpft werden solle. Das Bundesverfassungsgericht jedenfalls könne „diese mehr ökonomischen Überlegungen nicht selbstvornehmen“. Vielmehr seien dem Gesetzgeber Spielräume eingeräumt worden, die Papier als Widerspruch zu einer wirksamen Begrenzung bewertete.

Der Gerichtspräsident präzisierte damit eine Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der die Reformen der letzten Jahre in der Wochenmitte als noch lange nicht ausreichend bezeichnet hatte, um den Staat leistungsfähig zu erhalten. Er verwies auch auf die nach wie vor wachsende Staatsverschuldung von zur Zeit über 1,5 Billionen Euro. Hinzu kämen künftige Pensionsverpflichtungen, für die es kaum Rückstellungen gebe. „Das ist ein Multimilliardenkredit zu Lasten kommender Generationen“. Köhler bezeichnete es als überfällig, dass die Föderalismuskommission über wirksame Vorkehrungen gegen immer weiter wachsende Staatsschulden nachdenkt.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

  • Südossetien und Abchasien...

    Südossetien und Abchasien – abtrünnig und weitgehend isoliert

    Die autonomen Gebiete Südossetien und Abchasien in Georgien gelten seit vielen Jahren als Konfliktherde. Beide hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Bürgerkriegen von Georgien abgespalten. Von der internationalen Gemeinschaft werden sie bis heute aber nicht a...Bildergalerie 

  • Aus dem Frühling in einen...

    Aus dem Frühling in einen frostigen Winter

    In dieser Woche jährt sich das Ende des „Prager Frühlings“ von 1968. Damals wollten tschechoslowakische Reformer das totalitäre System an eine Demokratie annähern. Der Versuch scheiterte in der Nacht zum 21. August 1968, als sowjetische Panzer auf Prag vorrückten.Bildergalerie 

  • „Das Schlimmste steht noc...

    „Das Schlimmste steht noch bevor“

    Die Finanzkrise beherrscht das diesjährige Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau. Die Top-Ökonomen Clive Granger, Daniel McFadden, John Nash und Myron Scholes analysieren für das Handelsblatt die Ursachen und skizzieren Wege aus der Krise. Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Die Pest des Zerfalls  Artikel in Merkliste

28.08.2008, 05:13 Uhr von Andreas Rinke

Gerade nach der Anerkennung der Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo stellt sich die Frage, wo die Grenze bei dem Prinzip der Selbstbestimmung der Völker verläuft: Was ist eine „gute“, was eine „schlechte“ Unabhängigkeit? Kommentar