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12.09.2006 

Aufgefallen ist der Schwindel, weil ihre Einzelpraxis derart boomte, dass sie die Arbeit kaum alleine schaffen konnte. Das Genick brechen könnte den beiden, dass Kötter eine Patientin behandelt haben will, die zwischenzeitlich längst in ein anderes Heim umgezogen war. Nun droht beiden ein Strafverfahren und der Approbationsentzug.

Gesundheit, den Deutschen ist sie lieb und teuer. Im Jahr 2004 betrugen die Gesamtkosten 234 Milliarden Euro. In Berlin arbeitet die Regierungskoalition zurzeit an einer Gesundheitsreform, deren Eckpunkte bereits deutlich machen: Beitrags- und Steuerzahler werden noch mehr Geld in das System pumpen müssen (siehe „Fahrplan der Gesundheitsreform“).

Der Abrechnungsbetrug wird in den Papieren der Politiker dagegen nur abstrakt erwähnt. Vom „systemimmanenten Anreiz zur Abrechnung medizinisch nicht notwendiger Leistungen“ ist da die Rede oder von „missbräuchlicher Inanspruchnahme und Verordnung“.

Dabei mahnen Experten seit langem an, das Finanzsystem nicht nur aufzufüllen, sondern auch abzudichten. Denn es gibt Löcher in der Pipeline. Eines heißt: Selbstbedienung.

Während die Krankenkassen Ende 2005 mit rund 3,7 Milliarden Euro verschuldet waren, schätzen die Korruptionsbekämpfer von Transparency International, dass hier zu Lande durch Misswirtschaft, Betrug und Bestechung jährlich bis zu 24 Milliarden Euro verloren gehen. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat ermittelt, dass 2004 durch Abrechnungsbetrug insgesamt 145,3 Millionen Euro in falsche, in schmutzige Hände geraten sind.

Die schmutzigen Hände sind nur schwer zu erkennen

Diese Hände sind allerdings nur schwer zu erkennen, und das hat einen simplen Grund: Einige werden täglich gewaschen und desinfiziert. Im Saarland gibt es offenbar sehr viele davon.

Ein einziger Kieselstein kann eine Lawine auslösen. Ein Wurf, ein falscher Tritt oder schlicht Erosion – und schon geht die Felsenwand ab, reißt Bäume und Sträucher mit sich, verwüstet ganze Landstriche. Für Ärzte, Apotheker und Patienten im kleinsten deutschen Bundesland ist Erwin B. dieser Kieselstein.

Eigentlich ist Erwin B. ein Niemand. Ein Drogensüchtiger, einer, der vom Heroin nicht die Finger lassen konnte. Im Sommer 2003 wird er zum wiederholten Mal erwischt und verhaftet. Hat er auf einen Deal mit den Staatsanwälten gehofft? Jedenfalls erzählt B. ihnen eine interessante Geschichte. Eine Geschichte, die viele Ärzte und Arzneihändler die Zulassung kosten kann.

Anfang 2000 war es, da sitzt er bei Dorothea H. Bei der Allgemeinmedizinerin läuft es zurzeit nicht rund. Das Sprechzimmer leer, die Kasse ist es auch. Sie muss verzweifelt sein, sonst hätte sie B. wohl nicht angesprochen. Ob er nicht für sie als „Kartensammler“ arbeiten wolle. Mit Karten, das kapiert B. schnell, sind Patienten-Karten gemeint.

B. sagt zu, er braucht Geld. Also heuert er ein paar Kumpels an, am Schluss kommen 1 000 Karten zusammen – einige sicher auch geklaut. Dorothea H. rechnet über die Karten Leistungen ab, die sie nicht erbringt. Im Gegenzug stellt sie Rezepte aus, die die Sammler einlösen können. Mancher erhält als Dank auch eine Krankschreibung.

Als die Polizei Ermittlungen einleitet, stößt sie in ein Wespennest. 41 Durchsuchungen in Wohnungen und Praxen sowie die Überprüfung zahlreicher Abrechnungen fördern zu Tage: Ärzte, Apotheker, Patienten – alle haben offenbar mitgemacht.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Die weiße Schafherde ist gesprenkelter geworden.“

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