Dorothea H. (54) ist mittlerweile zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. In über 2 700 Fällen hatte sie mit Scheinrezepten und falschen Abrechnungen betrogen und damit rund 750 000 Euro dazuverdient. Anderen ihrer Kollegen droht nun ebenfalls ein Strafverfahren.
Raimund Weyand lacht. Der mittelgroße Brillenträger fällt nicht durch besondere Merkmale auf, er ist vertrauensselig, er redet gern, er scherzt viel. Vielleicht ist es seine Masche, Harmlosigkeit zu suggerieren. „Ja, ja, bei der Polizei gibt es kreative Leute“, sagt Weyand. Gemeint ist die Namensfindung für die Sonderkommission, in die er eingebunden ist: „EG-Rezept“.
So harmlos, wie das klingt, ist es aber nicht. Und Weyand ist auch kein Unbedarfter. Der Oberstaatsanwalt und Ärzte-Jäger im Saarland weiß, wo Barthel den Most holt. Im Saarland gibt es drei Sorten von Barthel: Ärzte, Apotheker, Patienten. Den Most gibt es bei den Krankenkassen.
„Ich will die Ärzte nicht unter Generalverdacht stellen“, sagt der Oberstaatsanwalt. „Aber die weiße Schafherde ist gesprenkelter geworden.“ Auch das BKA spricht von einem „ansteigenden Trend“. 2004 hat es über 3 600 Fälle von Abrechnungsbetrug gezählt.
Berühmt-berüchtigt: der Fall Globudent
Erschrocken haben Strafverfolger Weyand vor allem das Ausmaß der Tat und die Unverfrorenheit der Täter. Denn laut derzeitigem Ermittlungsstand wurden im Saarland nicht nur ärztliche Leistungen getürkt. Beliebt soll auch gewesen sein, Scheinrezepte über teure Medikamente, etwa zur Behandlung von Hepatitis oder Aids, auf die Namen unschuldiger Patienten auszustellen. Der Apotheker rechnete ab und teilte das Geld mit dem Arzt. Richtige Rezeptstraßen fanden die Fahnder.
Mittlerweile hat die aus über 35 Personen bestehende Sonderkommission Berge von Unterlagen gesammelt. „Die haben Lastwagen gefüllt“, sagt Weyand.
Auch das scheint die gängige Behauptung, beim Abrechnungsbetrug handele es nur um die Taten einiger weniger schwarzer Schafe, zu relativieren. Seit Jahren gehen den Strafverfolgern immer wieder Kassenbetrüger ins Netz.
1997 etwa werden knapp 2 000 führende Klinikärzte überführt. Sie hatten gegen Vergünstigungen überteuerte Herzklappen eingekauft.
Berühmt-berüchtigt auch der Fall Globudent: Zwischen 1999 und 2002 kaufte das Dentallabor in China und der Türkei billigen Zahnersatz ein – und verkaufte ihn mit Hilfe von am Umsatz beteiligten Zahnärzten zu deutschen Preisen an die Kassen. Gegen mehr als 100 Zahnärzte wurde damals ermittelt, allein in Berlin mussten 23 Mediziner Strafgelder zahlen.
In Hessen hat die Generalstaatsanwaltschaft 2002 sogar eine eigene Eingreiftruppe ins Leben gerufen, die „AG Ärzte“. Zwölf Ermittlungsbeamte, neun Sachverständige und ein Staatsanwalt haben bis heute rund 1 100 Verfahren geführt.
Nicht alle verdächtigen Fälle landen allerdings vor dem Strafrichter. Zurück nach Wuppertal, wo Kassen-Ermittler Thomas Feige um Differenzierung bemüht ist. „Es gibt zum Beispiel immer wieder Leistungen scheinbar für Tote“, erzählt Feige. Doch dafür finde sich oft eine harmlose Erklärung. „Laborleistungen werden etwa kurz vor dem Tod in Auftrag gegeben, die Abrechnung erfolgt aber erst, nachdem der Patient verstorben ist.“
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