Paritätischer Wohlfahrtsverband Die Schwächen des Armutsberichts

Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt vor einem neuen Rekordwert bei der Armut. Doch die Grundlage der Zahlen ist nicht stimmig – und das Kernproblem sind nicht zu niedrige Unterstützungsleistungen. Eine Analyse.
22 Kommentare

Wohlfahrtsverband: „An den Rekordergebnissen der Wirtschaft verdienen die Wenigsten“

DüsseldorfDer Paritätische Wohlfahrtsverband hat wieder einen seiner kontroversen Armutsberichte vorgelegt. Die Lobby der tatsächlich oder vermeintlich Ausgegrenzten klagt, weil die Armutsquote auf einen neuen Rekordwert von 15,7 Prozent gestiegen sei. Doch gegen die Wortwahl und Interpretation lässt sich einiges einwenden.

Der Wohlfahrtsverband schließt alle in die Armenstatistik ein, deren Haushaltseinkommen weniger als 60 Prozent des Haushalts in der Mitte der Verteilung beträgt. Das entspricht einer EU-Definition. Die EU spricht dann aber von Armutsgefährdung. Dem Paritätischen ist das zu diffus, er nennt es: Armut.

Ein Streit um den Begriff ist allerdings nicht allzu zielführend, denn dasselbe ist gemeint. EU wie Verband sprechen von Menschen, die über so geringe Mittel verfügen, „dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

Auch wo die Grenze gezogen wird, ist klar und transparent. Für einen Single sind es 942 Euro im Jahr 2015. Jeder kann sich selbst ein Bild machen, ob jemand der 942 Euro im Monat ausgeben kann und davon Miete, Nebenkosten und sonstige Fixkosten bezahlen muss, genug Geld für einigermaßen normale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hat.

Dennoch ist die Messgröße unvollkommen. Ein Student, der sich ein paar Jahre einschränkt, ist deshalb nicht unbedingt arm, auf jeden Fall nicht armutsgefährdet. Umgekehrt erfasst die Statistik sehr viele Menschen nicht, keinen eigenen Haushalt haben, die aber als arm gelten würden – Obdachlose etwa oder Pflegebedürftige und Flüchtlinge in Heimen. Auch muss nicht jeder, der in ländlichen Gebieten mit niedrigen Mieten 942 Euro zur Verfügung hat, als arm gelten. Wer allerdings in München oder Frankfurt wohnt, darf wohl auch mit deutlich höherem verfügbaren Einkommen noch als arm gelten.

Doch die regelmäßig ausbrechenden Streitigkeiten um solche statistischen Feinheiten sind nur Ablenkungsgefechte. Im Kern geht es bei Schlussfolgerungen aus solchen Statistiken um ein Werturteil und um widerstreitende finanzielle Interessen. Wie weitgehend soll der Wohlfahrtsstaat dafür sorgen, dass die weniger leistungsfähigen und leistungswilligen Menschen nicht an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden? Kann oder muss man diese beiden Untergruppen unterscheiden? Und wie viel soll der Rest der Bevölkerung dafür zu bezahlen?

Bezahlt wird in Form höherer Steuern und Sozialabgaben zu Finanzierung von Unterstützungszahlungen. Oder in Form höherer Löhne für die unteren Lohngruppen. Letztere steigern den Arbeitsanreiz und tragen idealerweise dazu bei, dass Vollzeitbeschäftigte selten hilfsbedürftig oder arm sind.

Dass trotz der seit langem hervorragenden Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland – jedenfalls gemessen an der Arbeitslosenquote und der Beschäftigungsentwicklung – die Armutsquote oder Armutsgefährdungsquote langsam aber stetig steigt, ist kein gutes Zeichen. Es schafft in erheblichem Maße Unzufriedenheit, wenn sich Leistung in den unteren Bereichen der Gesellschaft nicht zu lohnen scheint.

Gerade im Niedriglohnbereich sind viele Jobs nicht vergnügungssteuerpflichtig. Nicht zuletzt der starke Zulauf für extreme politische Positionen und Parteien zeigt das. Der Wohlfahrtsstaat kann die materiellen Folgen abmildern, aber er kann diese Art der Unzufriedenheit kaum beseitigen. Denn der Eindruck, dass Leistung sich nicht lohnt, wird durch aufgestockte Hilfen eher noch verstärkt.

Die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik sollten sich daher ernsthaft Gedanken darüber machen, ob der in Deutschland sehr große Niedriglohnsektor wirklich die Errungenschaft ist, für die man ihn lange gehalten hat.

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22 Kommentare zu "Paritätischer Wohlfahrtsverband: Die Schwächen des Armutsberichts"

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  • @Herr Grutte Pier, 02.03.2017, 16:36 Uhr

    Zu Ihrer Antwort auf den Kommentar von Herrn Tomas Maidan:

    Da gibt's weder "Abstimmungsbedarf" noch klare Kategorien, das geht quer durch den politischen Garten.

    Das Einzige, was die Populisten dieser Welt eint, ist Hass.

    Das macht sie so gefährlich.

    Sehr gut ausgeführt hat das Margaret MacMillan in ihrem Gastkommentar "Große Populisten für kleine Leute" (heute auf der letzten Seite im Handelsblatt zu lesen).

  • Man kann nicht genug darauf hinweisen, dass die Bezugsgröße dieser Statistik der Durchschnittsverdienst ist: Jede Lohnerhöhung in einer Branche, in einem Tarifgebiet vergrößert die Armutsgefährdung. Der sogenannte Armutsbericht dokumentiert vor allem die starke Lohnentwicklung der vergangenen Jahre - und die Distanz zwischen denen die gewerkschaftlich für bessere Entlohnung kämpfen können und denen, denen genau dies verwehrt ist!

  • Diesen Bericht halte ich für sehr interessant und auch objektiv. - Es handelt sich um Armut laut einer Statistik; somit trifft Armut zu - oder auch nicht. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht vieles vermengen; in meinem Umfeld sprach jemand von 5 Millionen armen Kindern - da wird gerne nach oben aufgerundet. - Ebenso bei Kosten für Flüchtlinge - ob es nun 22 Mill. Euro sind - oder plötzlich 27 Mill. - Bei armen Kindern ist natürlich jedes Kind eines zu viel. - Letztendlich muss auch unterscheiden, warum diese Kinder arm sind. Auf jeden Fall wird der Staat nicht für jeden sorgen können - schade ist nur, wenn Kinder, die selbst nicht entscheiden können, in welchem Umfeld sie leben, dadurch zu kurz kommen. - Da sollten wir mal das Geplänkel über AFD und so aussen vor lassen.

  • Armut hat einen großen Gönner und der sitzt immer in Berlin, In einen Land wie Deutschland ist einer der Abstürzt und finanziell Probleme bekommt, erst einmal ein Fall für die Schufa, Dort steht er für jedermann sichtbar der Mitglied der Schufa ist. Was bedeutet, keine Wohnung, kein Konto bis vor wenigen Wochen, und heute auch noch. Es gibt in Deutschland keine zweite Chance für Bürger , nur für Politiker und die Elite die sich eine zweite Chance gegenseitig gönnen.

    Die Rente wurde über Jahrzehnte gekürzt , bis viel Rentner arm sind keine Kraft mehr haben Zeitung auszutragen und Fernseher und Fenster die Unterhaltung sind.


    Kinder und das ist die absolute Härte , können sich nicht aussuchen, wo rein sie geboren werden. Also sollte jedes Kind per GG auch in einem armen Haushalt
    vom Staat unterstützt werden und geschützt werden vor Stromabstellungen,Wasser Abstellungen die es in diesem unseren Land tatsächlich noch gibt in diesem Land voller Werte !


    Armut ist vielfältig und wird immer am Geld festgemacht , dass ist erst einmal richtig, aber wenn man die 2 Chance zulässt und Abgestürzte nicht knebelt , könnten sich viele aus der Armut befreien.


    In der Politik wird niemand da sein, der das versteht. Leider.

  • @“Wutbürger“ Tomas Maidan

    Was hat Ihre Wut auf die AfD mit diesem Artikel-Thema zu tun? Sind die jetzt auch für die Statistiker des Wohlfahrtsverbandes zuständig und verantwortlich?

  • Mal ein paar Weisheiten,
    Menschen die Satt und Zufrieden sind brechen nicht in Häuser ein.
    Eine hohe Sozialhilfe bringt mehr als jeder Einbruchsschutz

    Wenn Leute nicht vom Staat zur Arbeit zu allen Bedingungen
    gezwungen werden, steigen die Löhne automatisch.

    Was ist das für ein Vortschritt,
    Früher blieb die Frau zu Hause und hat die Kinder erzogen.
    Heute brauchen wir dafür
    Kindergärtnerinnen
    Fastfoot weil keiner mehr Zeit zum Kochen hat
    Haushaltshilfen
    Lieferdienste
    .......

  • Es wird immer gesagt, die AfD-Anhänger wären die Abgehängten, die mit den Zukunftsängsten, die mit der Schlechtesten Ausbildung - deshalb auch die große Angst vor den Zuwanderern etc.

    Dabei wussten die doch schon im September 2015, dass von der Qualifikation der Zugereisten kaum ein Arbeitsplatz bedroht wird. (Auch von denen die jetzt kommen wird kein Arbeitsplatz bedroht).
    Wer es damals nicht wusste, waren Frau Merkel und die Arbeitgeber mit ihren Verbänden. Die wissen es erst seit vorgestern. (Nur max. 10 % sind verwertbar...)

    Die Vorbehalte und Warnungen der AfD-Anhänger bezogen sich überwiegend auf die Kosten. Da die AfD-Anhänger auch den höchsten Akademiker-Anteil und die beruflich qualifiziertesten Arbeitnehmer stellen - Wissen ist Macht - haben die sich im September 2015 auch über die einfältigen Fahnenschwenker aufgeregt.

    Und das ist einfach eine ganz normale Verhaltensweise: Der Intelligente regt sich nicht nur über den Dummen auf, der ihm ein faules Ei in die Wohnung legen will, sondern er wehrt sich.

  • @Herr Tomas Maidan 02.03.2017, 14:58 Uhr

    "Naja, die meisten AfD Anhänger sind oft ziemlich gut verdienende Wohlstandsbürger. Anwälte, Lehrer, oder hohe Staatsbeamte vom Typ Thilo Sarazzin. Mit Armut haben diese Wutbürger meistens nichts zu schaffen."

    Sie müssen sich mit den anderen AfD (Trump) - Bashern besser abstimmen.
    Normalerweise heißt es immer, die "Abgehängten" oder "zu kurz gekommenen" würden AfD (Trump) wählen.....

  • Im Gegensatz zu den bisherigen Forenbeiträgen halte ich den Artikel von Norbert Häring für erstaunlich objektiv. Um ehrlich zu sein: das hätte ich im Handelsblatt nicht unbedingt erwartet.
    Zu ergänzen wäre noch das beschämende Hick-Hack um den noch im März 2017 herauszugebenden Armutsberichtes der Bundesregierung. Hier versucht das Bundeskanzleramt dreist in manipulativer Absicht wesentliche Inhalte zu unterdrücken oder gar ins Gegenteil zu verkehren!
    Vorwegnehmend und entlarvend hat die CDU auf ihrer Web-Site die erwarteten Ergebnisse des Eingriffes des Bundeskanzleramtes veröffentlicht: "Die Schere zwischen Arm und Reich schließt sich" und "CDU-Politik zahlt sich aus. Laut Armutsbericht nimmt zudem die Einkommensungleichheit ab" (https://www.cdu.de/search/site/armutsbericht).
    Von der Union kann man also nicht erwarten, dass sie die in dem Artikel identifizierten Probleme und Herausfordeungen nachhaltig angeht.
    Gut dass mit Schulz und seiner SPD jetzt eine glaubwürdige Alternative zur Wahl steht.

    Merke: die nächsten Wahlen stehen vor der Türe!
    http://youtu.be/0zSclA_zqK4
    Und was sagt der Bundestag?
    http://youtu.be/QGOx8I0COYg

    Viel Spaß und neue Erkenntnisse beim Anhören!

  • Da bekommt man als Einheimischer noch ein Süppchen gereicht, während eben mal 27 Milliarden für die Nichtflüchtlinge locker gemacht werden. Das ist doch sozial oder ?

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