Parteichef
Die Gabriel-Show

Was für eine Wende. Die desaströse Wahlniederlage ist kaum ein Jahr her und schon erstrahlt die SPD im neuen Glanz. Parteichef Sigmar Gabriel setzt sich ins Rampenlicht. Der Parteitag ist vor allem eine Gabriel-Show: Mit einer Zwei-Stunden-Rede unterstrich er seinen Führungsanspruch.
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HB BERLIN. Alles sollt perfekt sein. Der Ort des SPD-Parteitages war mit Bedacht gewählt. Die traditionelle Industriearchitektur im ausrangierten Berliner Postbahnhof sollte den provisorischen Werkstattcharakter unterstreichen, in dem sich die seit zehn Monaten amtierende SPD - Spitze bei der Suche nach der neuen Selbstfindung der Partei sieht.

Nach der 23-Prozent-Rekordniederlage klettern die Umfragewerte langsam wieder in die Höhe. Schwarz-Gelb hätte demnach derzeit keine Mehrheit mehr. Bei den innerparteilichen Konfliktfeldern aus der SPD - Regierungszeit - etwa Afghanistan, Rente mit 67, Leiharbeit und auch Hartz IV - sind Korrekturen oder Klärungen auf den Weg gebracht.

Und auch der neue schlichte Ort des Sonderparteitages sollte eine gewisse Distanz zur eigenen Vergangenheit demonstrieren. In den Zeiten von Gerhard Schröder und Franz Müntefering, die sich am Sonntag nicht blicken ließen, war das Berliner Estrel-Hotel an der Sonnenallee Stammlokal für SPD-Kongresse.

In immer kürzeren Abständen wurden meist dort die wechselnden Vorsitzenden verabschiedet und neue gekürt - oder es wurde die Partei auf den strittigen Agenda-Kurs Schröders eingeschworen. Man habe heute keine schlechten Nachrichten mehr zu verkünden, versicherte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles stolz.

"Die SPD ist wieder da", rief Gabriel den jubelnden 500 Delegierten zu - auch wenn noch ein Stück harter Arbeit vor ihr liege, 2013 zusammen mit den Grünen Schwarz-Gelb in die Opposition zu schicken. Gabriel, dessen Rede deutlich die Handschrift seines langjährigen Vertrauten Matthias Machnig trug, warb für einen Kurs, der wieder stärker auf Arbeitnehmer und ihre Familien setzt und für ein "neues gesellschaftliches Bündnis" einschließlich der Stimmen des aufgeklärten Bürgertums, der Mittelständler und der kritischen Intellektuellen.

Gabriels Attacken gegen Angela Merkel (CDU), die eine "Kanzlerin der Konzerne" sei und aus "dem Kanzleramt ein Hinterzimmer für Lobbyisten" gemacht habe, quittierten die Genossen mit tosendem Applaus. Mit Blick auf den Umfrage-Höhenflug der Grünen riet er zur Gelassenheit. Frühere schwarz-grüne Gedankenspiele der Grünen - Vorsitzenden Renate Künast kommentierte Gabriel mit Hohn. "Jeder darf mal einen Ausflug machen, aber weil Frau Merkel Dir bei der Atomenergie die kalte Schulter gezeigt hat, weißt Du jetzt wieder, wo Du hingehörst. Wir freuen uns darüber."

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  • @Carl Anton;
    Kann ihrem Kommentar nur beipflichten. Gabriel ist ein Populist der schlimmsten Sorte, ein leicht durchschaubarer ideologe. Vor vielen Jahren waren die Deutschen schon einmal vom Populisten verführt. Hoffentlich haben die Deutschen daraus gelernt.
    ich hoffe, daß wir nie von ihm regiert werden. Falls doch, emigriere ich in die Schweiz.

  • Wie kommt der Kommentator auf den Gedanken, dass die SPD wieder im Aufwind sei. in Umfragen wird die Partei sogar von den Grünen übertroffen. im Übrigen hat Gabriel sich während seiner Rede in billigem Populismus geübt. Vertreter von sogenannten Volksparteien dürfen das offenbar, alle anderen würden deshalb scharf angegriffen. Lösungen hat Gabriel nicht zu bieten. Es sollen wieder einmal die besser Verdienenden stärker besteuert werden. Wie originell! Scheinbar hat Gabriel noch nicht gemerkt, dass es immer weniger von diesen besser Verdienenden gibt. in dieser Partei gibt es viele Soziologen und Politikwissenschaftler, aber nur wenige, die rechnen können. ...und wenn dann jemand wagt zu rechnen, wird er aus der Partei ausgeschlossen...

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