Parteien im Web 2.0
Siegen wie Obama? – No we can’t ...

Twittern, Chatten, Spenden sammeln – deutsche Wahlkampfmanager träumen vom digitalen Durchbruch. Ihr großes Vorbild: Barack Obama. Seine Internetkampagne ist bereits jetzt legendär. In der Praxis tun sich die Deutschen jedoch äußerst schwer.

BERLIN. Alle reden vom Internet-Wahlkampf. Aber kann eine deutsche Parteimanagerin ihre Botschaft in 140 Zeichen – moderner Twitterlänge – packen? Steffi Lemke von den Grünen jedenfalls nicht. Sie ist an diesem Abend in die Berliner Kalkscheune gekommen – einem Treffpunkt sehr junger Wähler –, um mit Kollegen von SPD, FDP und CDU zu diskutieren, ob „Von Obama lernen, siegen lernen heißt“. Auch die anderen Politmanager wollen die moderne Kommunikation des smarten Amerikaners gern kopieren – aber nicht in 140 Zeichen.

Seit Monaten berauschen sich deutsche Parteizentralen am Sieg Obamas, alle haben dessen Wahlkampf intensiv verfolgt, Lemke war vor Ort, der liberale Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz gar mehrfach. Doch je näher der heiße Wahlkampf rückt, umso klarer wird: Sie und ihre Spitzenpolitiker hinken dem lässigen Vorbild weit hinterher – nicht nur im Netz, vor allem beim Geld: „Obama hatte 750 Millionen Dollar – mehr als Bush und Kerry zusammen“, ernüchtert Peter Radunski, Organisator diverser erfolgreicher Wahlkämpfe für die Union, seine Kollegen. Nur so habe Obama es geschafft, dass „sieben von zehn Amerikanern einen seiner Wahlkampfspots gesehen haben – bei McCain waren es nur vier“. Die kleinen deutschen Parteien sind bescheiden: So hoffen die Grünen, dass das Spendensammeln per „Click and buy“ im Netz funktioniert, verlassen wollen sie sich aber nicht darauf. „Eine konkrete Summe“ hat Lemke vorsichtshalber nicht verbucht.

Die Liberalen, vermeintlich näher an Besserverdienern, mühen sich seit sieben mageren Jahren, den „FDP-Bürgerfonds“ zu füllen. Sehr mühselig sei das, erzählt Beerfeltz. Bis jetzt kamen jährlich mickrige 300 000 Euro herein. Da bleibt dem FDP-Strategen nur der Trost mit der politischen Verwandschaft: Schließlich seien die US-Demokraten Mitglied der Internationalen Liberalen und so eine Art Schwesterpartei der FDP, sagt Beerfeltz unter dem Gelächter der Konkurrenz.

Und der Wahlkampf im Netz? SPD-Cheforganisator Kajo Wasserhövel sieht eine Riesenchance, hat aber auf gut deutsch Bedenken. Es gebe hier halt „keine Leitblogger-Szene wie in den USA, die eine bestimmte Qualität sichert“. Zudem müsse die Parteizentrale ja den Kontrollverlust in Kauf nehmen, wenn sie zu sehr auf eine Debatte im World Wide Web setze. Das findet auch Steffi Lemke. Also doch klassischer Wahlkampf mit den Ortsvereinen? Selbst das werde schwer, sagt CDU-Kämpe Radunski, „die Volksparteien sind klein und alt geworden“. Aber er sieht die Sache als Nicht-mehr-Aktiver wohl zu pessimistisch. Wasserhövel baut sehr wohl auf 500 000 Genossen: „Die sind nicht alle alt und klapprig.“ Am Ende ist es das Urgestein des Unions-Wahlkampfs, Radunski, der das Fallbeil für Merkel, Steinmeier & Co. auslöst: „Obama ist eine Persönlichkeit mit einem einmaligen, großartigen Charisma – das können deutsche Politiker nicht“.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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