_

Parteienfinanzierung: Klamme Parteien nerven die Wirtschaft

Ob Wahlkampf, Parteitag oder Direktspende: Die Unternehmen können sich kaum noch retten vor den Bettelbriefen der Politik. Wenige nutzen das, viele fühlen sich erpresst. Für die Parteien aber ist es der neue Königsweg der Eigenfinanzierung.

Egal, welche Partei: In Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und steigender Ausgaben werden neue Geldquellen gebraucht. Quelle: dpa
Egal, welche Partei: In Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und steigender Ausgaben werden neue Geldquellen gebraucht. Quelle: dpa

BERLIN. Der Brandenburger Hof in Berlin ist ein Fünf-Sterne-Haus mit exzellenter Küche. In regelmäßigen Abständen lädt hier der „Vorwärts“, die Parteizeitung der SPD, Lobbyisten zum vertraulichen Plausch mit sozialdemokratischen Spitzenpolitikern ein. Als man noch in der Regierung war, lief das Geschäft freilich besser als heute: Ein Abend im kleinen Kreis mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt? Für die zahlreichen Vertreter der Pharmalobby ein Top-Event. Auch die Zigarettenindustrie, seit langem vom Schmuggel und hohen Tabaksteuern gebeutelt, war gleich mehrfach vertreten, als das sozialdemokratische Parteiorgan noch den damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück als Stargast anbieten konnte.

Anzeige

Politische Kontakte kosten Geld

Bezahlt wird dieser kurze Draht in der Regel von Unternehmen, die ihre Repräsentanten zu solchen Gesprächen schicken. „Der Zugang zur Politik ist entscheidend, und er kostet auch etwas“, sagt der Geschäftsführer einer auf politische Kommunikation spezialisierten Beratungsfirma in Berlin. Inzwischen sind Dutzende Firmen und Anwaltskanzleien in der Hauptstadt mit dem Verkauf politischer Kontakte beschäftigt – ein florierendes Geschäft. Auch Hendrik Wüst, der am Montag zurückgetretene CDU-Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen, hat nach Informationen des Handelsblatts in einem solchen Unternehmen gearbeitet. Die Firma heißt Eutop und übernimmt Lobbyarbeiten in der Politik. Wahrscheinlich ist Wüst, der das Gewerbe gut kennt, gar nicht mehr aufgefallen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Berater für die Anbahnung politischer Termine Geld fordert oder ob ein gewählter Amtsträger wie ein Ministerpräsident für ein Gespräch Bezahlung fordert.

In den Unternehmen herrscht inzwischen große Unsicherheit, wie man mit diesen Fragen umgehen soll. „Vor jedem Wahlkampf gibt es eine Flut von Schreiben mit der Bitte um Parteispenden“, klagt ein Eon-Manager. Ebenso zahlreich sind die inzwischen von allen Parteien vorgetragenen Bitten, die Unternehmen mögen doch Werbe- und Informationsstände bei den Parteitagen auf Landes- und Bundesebene aufbauen. Auch politische Werbeveranstaltungen wie etwa der „Zukunftspreis NRW“ oder politische Konferenzen zu speziellen Themen buhlen um die finanzielle Unterstützung der Wirtschaft. Das Muster ist immer gleich: Die Firmen buchen Ausstellungsfläche, und mit der üppigen Standmiete bessern die chronisch klammen Parteien ihre Kassen auf. So finden sich mittlerweile auf allen Parteitagen Stände quer durch die Riege der Dax-30-Konzerne. Die Lufthansa wirbt sogar bei den Grünen um Verständnis. „Es ist völlig üblich, wenn Firmen auf Parteitagen werben“, sagt Axel Wallrabenstein, Manager bei der Beratungsfirma Publicis Consultants. Da gebe es auch rechtlich keine Zweifel.

„Das ist ein Marketingauftritt, bei dem wir bei Multiplikatoren aus Medien und Politik unsere Themen wie den Universaldienst transportieren“, sagt ein Post-Manager. Extra bezahlen für ein Gespräch mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers würde er aber nicht. „Wir sind größter Arbeitgeber in NRW – da bekommen wir jederzeit einen Termin.“ Selbst wenn die Spitzenpolitiker beim „Aussteller-Rundgang“ einzelne Stände besuchen, sei „das nicht die Gelegenheit, wichtige Dinge zu besprechen“, sagt der Vertreter eines Autokonzerns. Die „vielen Bitten um Geld nerven ganz schön“.

  • 23.02.2010, 13:25 UhrAnonymer Benutzer: Denkerist

    Ach so, es gibt eine Partei im bundestag, die nicht gekauft ist. Allerdings ist deren Programm mitunter...
    Dennoch haben wir es in der Hand.
    Korruption und Vetternwirtschaft oder vertretung der interessen des Volkes!

  • 23.02.2010, 13:22 UhrAnonymer Benutzer: denkerist

    Und so fällt Herr Westerwälle über die Hartz4er her - die zahlen nämlich nicht!

    bananenrepublik!

  • 23.02.2010, 11:05 UhrAnonymer Benutzer: Papa und Banker

    Meine Kinder werden nicht durch einen Verband vertreten. Vielleicht fällt es ja auch deshalb so leicht, deren zukünftige Lebensgrundlage zu verheizen. Natürlich, sie sind die Zukunft unseres Landes. Klar. Logisch. Tun wir ja auch alles für.
    Sarkastisch? Richtig. Lobbyarbeit ist der fortwährende Versuch, durch politische Einflussnahme Vorteile im Markt zu sichern. Oder andersherum, die Ausgleichsfunktion des Marktes zu beeinflussen. Der Schaden für die Volkswirtschaft und damit für die Menschen ist kaum zu beziffern. Da wo "mit den Füssen" abgestimmt wird, soll über die Lobbyarbeit gegengesteuert werden. Wo ist hier der Wille des Volkes. Tut unserem Land den gefallen und schmeißt die Lobbyisten aus berlin raus. Liebe Politiker, werdet bitte wieder Volksvertreter, unabhängig, nur euren Wählern verpflichtet. Das Wahlrecht kennt nur natürliche Personen, keine Juristischen!
    ich schreibe das, weil hier wieder erkennbar wird, dass das Gegenteil der Fall ist.
    Korruption allenthalben. Wer lacht da noch über italien? ich bin wieder stolz auf dieses Land, wenn wir gelernt haben, das natürlich Wichtig vom synthetisch Wichtigen, Wichtig gemachten zu unterscheiden.

  • Die aktuellen Top-Themen
Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.