Parteienforscher Patzelt
„Die SPD verwaltet Utopien und Visionen“

Die Sozialdemokratie muss sich neu erfinden, auf dem Parteitag in Dresden will die Partei ihre Wunden lecken. Doch das eigentliche Problem sind nach Meinung von Parteienforscher Werner J. Patzelt nicht die Rente mit 67 und die Agenda-Politik. Im Interview spricht der Politik-Professor an der Universität Dresden außerdem über die Machtoptionen der Partei und über die Doppelspitze Steinmeier/Gabriel.
  • 1

Ist Gabriel der richtige Mann für den Neuanfang?

In einer so verzwickten Lage ist jeder für diesen undankbaren Job recht. Pfiffigkeit, Tatkraft und die Fähigkeit, sich schnell auf veränderte Situationen einzustellen, zeichnen den kommenden Parteichef aus. Dazu scheint er ein sonniges Gemüt zu haben, dass er den Posten in diesen Tagen übernimmt. Es dürfte sehr schwer sein, einen anderen dafür zu finden. Aus der älteren Garde bietet sich niemand an und die Jüngeren wie Nahles sind noch nicht so weit – die Entscheidung war ohne wirkliche Alternative.

Funktioniert denn das Tandem aus Parteichef Gabriel und Fraktionsvorsitzendem Steinmeier?

Gabriel ist in diesem Moment ein Aufsteiger, Steinmeier ein Absteiger. Letzterer hätte nach dem Parteivorsitz greifen müssen, um federführend die Zukunft der SPD zu gestalten. Gabriel hingegen hat sich durch den Posten den Zugriff auf die nächste Kanzlerkandidatur gesichert. Das Tandem wird daher nur funktionieren, wenn Steinmeier Dienstbereitschaft und Resignation an den Tag legt. Er muss sich als Diener der SPD verstehen wie es einst auch Herbert Wehner an der Seite von Willy Brandt war.

Bringt eine Doppelspitze überhaupt Vorteile?

Eine Doppelspitze verursacht immer Reibungsverluste. Der bei dieser Entscheidung erhoffte breite Rückhalt in der Partei wiegt die Probleme nicht auf. Es ist wesentlich besser, wenn Fraktion und Partei von ein und derselben Person geführt werden.

Ist für den Neustart der SPD ein Bruch mit der Agenda-Politik der Vergangenheit nötig?

Die Agenda ist nicht die eigentliche Ursache der Probleme, der Grund liegt tiefer. Schon die Regierung Kohl wollte die Kerngedanken der Agenda umsetzen, wurde dann aber im Bundesrat von der SPD gestoppt. Wenige Jahre später wurden die Sozialdemokraten von der Realität eingeholt und mussten die Reformen selbst anstoßen. Nun wird die SPD von einigen Eckpunkten der Agenda abkehren, doch das reicht nicht.

Seite 1:

„Die SPD verwaltet Utopien und Visionen“

Seite 2:

Kommentare zu " Parteienforscher Patzelt: „Die SPD verwaltet Utopien und Visionen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Die SPD muss sich neu erfinden." Mit Verlaub, aber das ist Unfug. im Gegenteil. Die SPD muss sich besinnen auf das, was sie stark und zu einem unverzichtbaren Teil der politischen Landschaft gemacht hat. Die überraschend vielen Neueintritte sind ein unübersehbares indiz dafür. Dabei wird die allzu schnelle Ausrichtung auf die nächste Wahl wenig hilfreich sein. Geduld ist jetzt gefragt. Sie muss sich für ihre kulturelle und programmatische Erneuerung Zeit nehmen, die basta-Mentalität hinter sich lassen und ihre Stärke in der Alltagskultur zurückerorbern. back to the roots und der Zukunft zugewandt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%