Parteitag als Krönungsmesse
CDU, made in Leipzig

Weit und breit ist in der Herrenriege der CDU niemand, der Angela Merkel die Spitzenposition streitig macht. Der Parteitag in Leipzig ist ein Parteitag als Krönungsmesse. Eine Handelsblatt-Reportage.

LEIPZIG. Natürlich kennt Laurenz Meyer jene Passage in der Montags-Rede der Parteichefin, die da von der „Schneckenspur“ handelt, auf der die Regierung in Richtung Reformen krieche. Doch als sich der Generalsekretär am Sonntag hinter das Lenkrad des silber-grauen 612-PS-Boliden klemmt, leise stöhnt und wie von Sinnen schwelgt „Diese Sitze, diese Sitze!“, träumt er jedenfalls nicht von der Entdeckung der Langsamkeit. Zwar ist zu seinem Leidwesen ausnahmsweise mal kein Fotograf zur Hand, als er sich in der grenzenlosen Verzückung eines Liebhabers dem Porsche Carrera GT hingibt: Doch gebiert er da schon vorweg das Sinnbild des Parteitags, das die Parteichefin tags darauf allen Delegierten zur Übernahme anbietet: schnittig, modern, mit Tempo und vor allem: „Made in Leipzig“.

Tatsächlich ist Leipzig so etwas wie die Geburtsstunde einer neuen CDU: weniger Solidarität, dafür mehr Eigenverantwortung, weniger staatliche Patronage, dafür mehr private Selbstvorsorge, weniger Katholizismus, mehr Protestantismus. Wirtschaftsliberalität und Privatvorsorge: So lauten die fahlen Synonyme für Modernität, mit denen Merkel dann am Montag auch gar nicht erst versuchte, die Delegierten einzuwickeln. Nur in einer einzigen Überhöhung ihrer eher nüchternen Rede verließ die Parteichefin den harten Boden des Jetzt und gebar das anheimelnde Wort-Duett von den „zweiten Gründerjahren“, in denen sich Deutschland befinde.

Gründerjahre? Natürlich: Da gibt es im ganzen Land nur eine einzige Partei, die dafür aus Erfahrung gut ist: die Partei Konrad Adenauers, des Kanzlers, Ärmelhochkremplers und Katholiken aus dem Nachkriegs-Deutschland. Selbstredend ließ sie den Namen des christdemokratischen Heroen langsam und genüsslich vom Podium heruntertropfen. Ganz feierlich, so als sei das für eine Protestantin aus dem Osten heutzutage noch die allein denkbare Wahlverwandschaft. An ihm allein, so hat sich die in Umfragen durch absolute Mehrheiten Verschönte wohl vorgenommen, will sie sich messen lassen: „Der Geist der Gründerjahre ist in der CDU geblieben!“ Sie muss ihn nur erwecken.

Auf niedrigerer Ebene, so darf man ihr unterstellen, erkennt sie mittlerweile niemanden mehr, dem es nachzueifern lohnte. Ihren einstigen Paten, Helmut Kohl, erwähnte sie nur einmal, eingebuddelt zwischen Legehennenhaltung und Kopftuchverbot.

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