Parteitag
Seehofer ordnet sich Merkel unter – vorerst

Mit einem Aufruf zur "vollen Unterstützung" für Kanzlerin Angela Merkel hat CSU-Chef Horst Seehofer den CSU-Parteitag in Nürnberg eröffnet. Die CDU-Chefin ging demonstrativ auf die Schwesterpartei zu und stellte eine Steuerentlastung ab 2011 in Aussicht - wie es die CSU fordert.

NÜRNBERG. Ein Lilliput-Bändchen des Langenscheidt Wörterbuchs Bayerisch also war es, was Horst Seehofer neben einem Schmöker zur bayerischen Geschichte für Kanzlerin Angela Merkel im Gepäck hatte - damit sie ihn und die CSU besser verstehen könne. "Humor und Hintersinn", müsse das Geschenk für die CDU-Chefin haben, hatte Seehofer vor ein paar Tagen gesagt. Beides dürfte auch der Auswahl des Ständchens zu Grunde gelegen haben, den der Junge Chor Nürnberg aufführt. "Zum Geburtstag wünschen große und kleine Leute heute viel Glück - denn Du bist unser bestes Stück".

Merkel lächelt, was soll sie tun? Ausgerechnet an ihrem 55. Geburtstag war die Kanzlerin zur Gast auf dem CSU-Parteitag. Eben hat sie 40 Minuten geredet, jetzt steht sie da und hört dem Chor zu. Der singt auf einer Showtreppe, die der Parteitagsbühne einen Hauch von West Side Story verleiht. Wer sich statt Ständchen eine Klärung der schwelenden Streitfragen zwischen den Unions-Schwesterparteien etwa in der Europapolitik erwartet hatte, wurde von all dem Geplänkel enttäuscht.

Bereits am Mittag hatte Seehofer die Grundlage für einen friedlichen Geburtstag der Kanzlerin gelegt. Als Signal für den Bundestagswahlkampf will er den Parteitag sehen. "Es wird ein Merkel-Wahlkampf", sagt Seehofer. "Sie ist die stärkste Persönlichkeit, die wir in der Union haben." Das Ständchen des Kinderchores freilich legt nahe, dass diese Unterwerfung nur mit einem Augenzwinkern geschieht.

Merkel ging in ihrer Rede auf die Streitthemen der vergangenen Wochen nicht groß ein. Im Grunde hielt sie ihre Standartrede, die mit geringen Variationen von Garmisch bis Flensburg zur Aufführung kommt. Gestärkt soll Deutschland aus der Krise kommen, die soziale Marktwirtschaft müsse zum weltweiten Modell verantwortungsbewussten Wirtschaftens werden, nur mit den Partnern in der Europäischen Union bringe Deutschland in der globalisierten Welt genügend Gewicht auf die Wagschale, um gestalten zu können - letzteres ein kleiner Hieb gegen den europaskeptischen Kurs der CSU. Markus Söder, Bayerns Umweltminister, droht ganz vorne einzunicken.

Merkel schenkte den Bayern nichts, sie bekam, jenseits von Lexikon, Geschichtsbuch und Ständchen, aber auch nichts geschenkt. Der Applaus war freundlich, aber nicht übertrieben lang. Der Empfang reichlich chaotisch, "na, ich fang dann mal an", sagte Merkel, als sich auf der großen Bühne niemand zuständig fühlte, die Kanzlerin ans Pult zu bitten. Kritische Töne gegen die Exzesse des Kapitalismus kamen gut an. "Wir lassen das nicht zu, dass die Wall Street und die City of London bestimmen, wie man Geld verdient, und andere dann die Zeche zahlen." Applaus. Auffällig, wie sie sich bei CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer für die gute Zusammenarbeit im Bundestag bedankte und Horst Seehofer in ihrer Rede lange nicht erwähnt. Ramsauer hatte zuletzt betont, dass man in der Europadebatte natürlich nicht Merkels Zeitplan für die deutsche Ratifikation des EU-Vertrages durcheinander bringen wolle. An Seehofer gerichtet dann die Bitte: "Horst Seehofer sagt, die CSU hat wieder Biss. Das ist schön, aber beißt die Richtigen", so Merkel.

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