Peer Steinbrück
Der Kanzlerkandidat auf Zuruf

Peer Steinbrück stellte in Hamburg wortgewaltig sein Buch „Unterm Strich“ vor. Neben so manchen Tiraden gegen die SPD hatte der Ex-Bundesfinanzminister auch eine wichtige Botschaft mitgebracht: Würde seine Partei ihn fragen, ob er 2013 als ihr Kanzlerkandidat antritt, stünde er zur Verfügung.
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HAMBURG. So klingt eine literarische Regierungserklärung: Peer Steinbrück, ehemals Bundesfinanzminister und davor Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, war gestern sichtlich in seinem Element. Klug hat er argumentiert, angriffslustig die Zähne gebleckt – ganz wie sein Vorbild Helmut Schmidt – und dabei immer wieder schallend gelacht.

Zumindest die anwesenden Journalisten hat der Politiker gestern Vormittag bei der Präsentation seines ersten Buches „Unterm Strich“ überzeugt. Am Schluss gab es für ihn Applaus. Er revanchierte sich mit dem von einigen erwarteten und vielen erhofften Satz: „Ich stünde zur Verfügung, wenn ich gefragt würde“, sagte Steinbrück auf die Frage nach einer möglichen Kanzlerkandidatur im Jahre 2013. Ins Gespräch bringe er sich damit aber nicht, fügte der 63-Jährige hinzu. Aber: ein Verweigerer will er eben auch nicht sein, so wollte Steinbrück verstanden werden. Nicht drängeln, nicht ducken, so das unausgesprochene Motto für die Buchpräsentation. In zwei Wochen werde er auf Wunsch von SPD-Chef Sigmar Gabriel auf dem Wirtschafts-Parteitag reden.

Nach 17 Jahren in verschiedenen Regierungen auf Landes- und Bundesebene fühlt sich Steinbrück als Autor und einfacher Bundestagsabgeordneter sichtlich wohl. „Ich werde mir aussuchen, was ich künftig mache“, sagt er in der Heinrich-Heine-Villa seines Hamburger Verlages Hoffmann und Campe. Zeitsouveränität habe er gewonnen. Diese Qualität werde er so schnell nicht abgeben. Warum auch?

Dennoch ist Steinbrück derzeit nicht ohne Beschäftigung, viele suchen seine Nähe: Kurt Biedenkopf beruft ihn in die Nationalstiftung, die EKD möchte ihn haben für ihre Sozialkammer, beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp sitzt er im Kontrollgremium.

Die Aufmerksamkeit gestern genoss er. Als er pünktlich um elf Uhr die Heine-Villa betrat, warten Fotografen und Kameraleute auf den ehemaligen Vizekanzler der Großen Koalition. Das Blitzlichtgewitter blendet. „Sie haben doch schon so viele Aufnahmen“, kokettiert Steinbrück, spielt aber mit, hält sich das Buch mit seinem Konterfei vor das Gesicht. Als Verlagschef Günter Berg das Etikett vom „ersten Enkel Helmut Schmidts“ zitiert, lacht er das erste Mal schallend.

Groß war die Spannung im Vorfeld der Veröffentlichung. Was würde der damalige Bundesfinanzminister genau zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sagen zu Lehman, IKB und Co? Am 15. September 2008 rang die Große Koalition nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman mit einem Rettungsschirm für die Banken. Das Einschreiten der Regierungen weltweit sei entscheidend gewesen, sagt Steinbrück heute. Eine weitere Pleite, etwa des US-Versicherers AIG, wäre „zu einem Schmelzpunkt der weltweiten Finanzarchitektur“ geworden.

In seinem spannend zu lesenden Buch legt er nah, dass die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush im Fall Lehman angesichts der Unruhe unter den Amerikanern ein Zeichen vor dem anstehenden Präsidentschaftswahlkampf setzen wollte: Main Street gegen Wall Street.

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  • Gerade kam Steinbrück im ARD.

    Nicht nur , dass er sagte, dass mit der Gentechnik ist nicht richtig, diese Argumentationskette, seie falsch...

    Nein, er erweiterte gerade eben die Aussage von Sarrazin auf den gesamten bereich der bildungsfernen, die nicht in die Gesellschaft integrierbaren.

    Alle die bildungsfernen sind die nicht, und nur schwer, integrierbaren Schichten und dies könne nur durch bildungspolitik behoben werden.

    Parallel dazu lief gestern wieder in Mona Lisa:
    Türken insbesondere "mit Abitur" sitzen mit den Nichtintegrationswilligen Türken ohne oder nur mit geringer Schulbildung in einer Gesprächsrunde.

    Dazu gibt es höchste Preisauszeichnungen und Anerkennungen, weil diese Abiturienten sich mit den armen Nichtbildungskindern an einen Tisch setzen.

  • Herr Steinbrück wäre der beste Kanzlerkandidat, den die SPD aufstellen könnte. Schließlich ist erst mit ihm die Steuerhinterziehung über das Ausland wirksam bekämpft worden. Auch das Schließen von Steuerschlupflöchern durch die Abgeltungssteuer war im nachhinein eine sehr gute Entscheidung: "besser 25% von x, als der persönliche Steuersatz von nix" - sehr einleuchtend, aber die FDP Klientel und die bisherigen Kommentatoren verstehen das anscheinend nicht. ihr ist selbst die Steuerflüchtlingsverfolgung im Ausland ein Dorn im Auge.
    Herrn Steinbrück ist auch am ehesten zu zutrauen, dass er Entscheidungen frei von Lobbyistenbeeinflussung oder parteipolitischen Machtspielereien fällen wird. Sein "frei nach Schnauze sprechen" und sein pragmatische Angehen von Problemen ist wohltuend zu verfolgen, zu oft wurden schließlich schon schwierige Themen wie die integrationspolitik vertagt, weil Entscheidungen zu unpopulär gewesen wären.
    Nichtzuletzt hat er sehr wohl auch eine sehr große wirtschaftliche Fachkompetenz, mit der er die Wirtschaftskrisen in Deutschland früh und energisch bekämpft hat. Er ist in der Wirtschaft nicht umsonst ein begehrter berater oder Redner auf Tagungen. in diversen Talkshows hat er gezeigt, dass er es auch mit den Größen der Konzerne aufnehmen kann.
    Alles in einem wäre er die ideale besetzung für die Kanzlerkandidatur der SPD.

  • Welch große Selbstüberschätzung!
    War es nicht Herr Steinbrück, der die West Lb mit seiner Politik in die Krise getrieben hatte? War es nicht Herr Steinbrück, der das bAFiN neu organisierte und somit einen Papiertiger schuf? Dieser Mann ist absolut unfähig und mit seiner Selbstüberschätzung noch dazu sehr gefährlich. Mit seiner Schreiberei will er aber wahrscheinlich Herrn Sarazin nacheifern - in der SPD ist ja so manches möglich.
    Eiegntlich muss man in Deutschland Angst bekommen, wieviele unfähige Leute jetzt Politik machen und uns immer mehr in den Dreck fahren.

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