_

Peer Steinbrück: „Die Zocker sind zurück an der Börse“

exklusiv Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) will als Konsequenz aus der internationalen Finanzmarktkrise die Bankenaufsicht in Deutschland reformieren. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht Steinbrück außerdem über Aktienmärkte, Unternehmenskredite und seinen Kabinettskollegen zu Guttenberg, mit dem er im Dauer-Clinch liegt.

von Sven Afhüppe und Frank Matthias Drost
"Ich warne davor, so zu tun, als wenn wir die Krise schon aus den Kleidern geschüttelt hätten", sagte Steinbrück gegenüber dem Handelsblatt. Quelle: ap
"Ich warne davor, so zu tun, als wenn wir die Krise schon aus den Kleidern geschüttelt hätten", sagte Steinbrück gegenüber dem Handelsblatt. Quelle: ap

Handelsblatt: Herr Minister, die Menschen scheinen den Schrecken der Finanzkrise überwunden zu haben - der Dax hat ein neues Jahreshoch erreicht. Ist die Krise vorbei?

Anzeige

Peer Steinbrück: Es gibt einige Indikatoren, die sich erfreulich entwickelt haben. Aber ich warne davor so zu tun, als wenn wir die Krise schon aus den Kleidern geschüttelt hätten. Es gibt noch viele Unsicherheiten und Risiken und für Entwarnung keinen Grund. Dass sich das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal mit 0,3 Prozent besser entwickelt hat, als viele gedacht haben, stimmt zwar einigermaßen beruhigend. Man darf aber nicht vergessen, dass die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahresquartal um sieben Prozent geschrumpft ist. Die Entwicklung an der Börse zu interpretieren, halte ich für waghalsig, weil kurzfristige Ausschläge völlig irrational sein können.

Woher kommt der Optimismus an der Börse?

Ich sehe mit Skepsis, dass so viel Liquidität wieder im Markt ist, die derzeit nach Anlageprodukten sucht. Offenbar stecken die Banken und generell institutionelle Anleger das Geld lieber in Wertpapiere, statt in die Vergabe von neuen Krediten, weil sie sich eine höhere Rendite versprechen. Diese Entwicklung sehe ich als Beleg dafür, dass nach zweijähriger Finanzmarktkrise die Zockermentalität wieder die Oberhand gewinnt. Ein anderes Verhalten der Banken wäre mir lieber, auch um eine bessere Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Krediten zu erreichen.

Sie sprechen nächste Woche mit Vertretern der Wirtschaft und Banken über die Kreditversorgung. Droht eine Kreditklemme?

Für eine flächendeckende gesamtwirtschaftliche Kreditklemme gibt es keine Belege. In manchen Branchen - Elektroindustrie, Maschinenbau, Zulieferer, Chemie und Werften - haben sich die Konditionen dagegen sehr wohl verschärft. Auch bei den ganz kleinen und großen Unternehmen haben wir klare Hinweise, dass es klemmt. Das Kredit- und Bürgschaftsprogramm der Bundesregierung mit insgesamt 115 Mrd. Euro läuft zwar überaus gut, kann aber die Banken nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, die Wirtschaft mit ausreichend Krediten zu versorgen.

Die Banken behaupten, dass sie mehr Kredite vergeben als im vergangenen Jahr.

Ich kenne diese Statistiken. Dennoch gibt es bei der Kreditversorgung in bestimmten Bereichen der Wirtschaft ernsthafte Probleme, mit denen ich die Banken unter Wahrung aller Höflichkeitsregeln konfrontieren werde. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass die Ansprüche an Sicherheiten und die Risikoaufschläge bemerkenswert gestiegen sind. Darüber muss man mit den Banken reden.

  • Die aktuellen Top-Themen
Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.