Peinlicher Lapsus
Wulff eckt mit Pogromvergleich an

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat die Managerkritik mit der Judenverfolgung verglichen und harsche Kritik auf sich gezogen. Kurz darauf distanzierte er sich wieder von seinen Äußerungen. Dem Zentralrat der Juden reicht das nicht, Generalsekretär Kramer fordert den Rücktritt Wulffs.

HB HANNOVER. Wulff hatte am Donnerstag in der TV-Talkshow Friedmann gesagt: "Ich finde, wenn jemand zehntausend Jobs sichert und Mio. an Steuern zahlt, gegen den darf man keine Pogromstimmung verbreiten." Wie zuvor bereits der Chef des Wirtschaftsforschungs-Instituts Ifo, Hans-Werner Sinn, zog Wulff die Äußerung am Tag darauf zurück. "Die Verwendung des Wortes Pogromstimmung bedauere ich", sagte er am Freitag in Hannover, zwei Tage vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte empört auf den Pogrom-Vergleich. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, legte dem Politiker am Freitag den Rücktritt nahe. "Wulff sollte sich einfach fragen, ob er für sein Amt geeignet ist", sagte Kramer der Agentur dpa.

Wulff meinte: "Nichts kann und darf mit der Judenverfolgung und den schrecklichen Pogromen gegen die Juden verglichen werden", sagte Wulff. Eine generalisierende Stimmungsmache gegen hohe Gehälter in der Wirtschaft sei allerdings falsch. Der niedersächsische SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner erklärte: "Es ist beschämend für Niedersachsen, wenn sich der Ministerpräsident drei Tage vor dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht derart instinktlos äußert." Drastischer als Wulff hatte der Ifo-Präsident die Kritik an Managern mit der Judenverfolgung in Verbindung gebracht. "In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken", hatte Sinn einem Interview gesagt. "Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."

Kramer sagte dagegen: "Gerade vor dem Hintergrund, dass kürzlich erst über ähnliche Äußerungen des Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn lang und breit diskutiert wurde, sind Wulffs Äußerungen eine Unverschämtheit und ein Skandal." Eine einfache Entschuldigung reiche da nicht mehr aus. Wulff habe in der Sendung dreimal Gelegenheit gehabt, seine Worte zurückzunehmen, und dies nicht getan.

Der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Sinn, hatte sich nach heftiger Kritik an seinem Vergleich von Judenverfolgung und aktueller Managerkritik offiziell entschuldigt. Er bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück, schrieb Sinn Ende Oktober in einem offenen Brief an die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Knobloch hatte daraufhin die Hoffnung geäußert, "dass Entgleisungen dieser Art ein einmaliges Vorkommnis waren".

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