Personalabbau in vielen Firmen
Droht Dammbruch am Arbeitsmarkt?

Die miese Konjunkturentwicklung nährt zunehmend Zweifel, ob die Wirtschaft auch in den nächsten Monaten noch ohne große Entlassungswellen über die Runden kommt. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ist der Anteil der Unternehmen, die Personal abbauen wollen, massiv in die Höhe geschnellt.

BERLIN/FRANKFURT. Danach wollen mittlerweile 30 Prozent der Firmen ihre Belegschaften verringern. Im Herbst 2008 waren es lediglich 18 Prozent, während damals noch fast genauso viele - 15 Prozent - Personal aufbauen wollten. Dieser Anteil ist nun auf acht Prozent geschrumpft.

Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) appellierte gestern eindringlich an die Wirtschaft, statt Kündigungen Kurzarbeit zu nutzen. Zudem wies er bei einer Tagung darauf hin, dass er bei Bedarf die Höchstbezugsdauer des Kurzarbeitergelds kurzfristig von bisher 18 auf 24 Monate verlängern könne. Zwar gibt es laut Ministerium aktuell keine Pläne dazu. Freilich könnte die Frage an Bedeutung gewinnen, falls im Jahresverlauf keine Besserung eintritt. Denn dann würden immer mehr Betriebe auf den Zeitpunkt zusteuern, an dem sie trotz anhaltender Krise die Hilfe der Arbeitsagentur nicht länger beanspruchen dürften.

Die DIHK-Umfrage erfasst mehr als 25 000 Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor, der Industrie und der Bauwirtschaft. Sie bestätigt in der Tendenz die jüngste Erhebung des Handelsblatt-Business-Monitors, an dem sich 800 Topmanager beteiligen. Trotz massiv verschlechterter Umfragedaten schätzt der DIHK die Lage indes noch nicht dramatisch ein. Nach wie vor gebe es deutliche Hinweise, dass die Firmen ihre Stammbelegschaften trotz Krise so weit wie möglich halten wollten - auch um bei einer Trendwende zum Besseren nicht erst wieder Fachkräfte suchen zu müssen.

Der Anteil der Unternehmen, die ihren Personalstand wenigstens konstant halten wollen, ist laut DIHK-Umfrage mit 62 Prozent bisher in der Tat nur graduell geringer als vor der Krise. Zudem, merkt der Verband relativierend an, sei der Beschäftigungstrend auch nach dem jüngsten Absturz immer noch besser als an den Tiefpunkten der Rezessionsjahre 1993 und 2003. Damals fiel der Saldo aus positiven und negativen Antworten auf die Frage nach den Beschäftigungsplänen jeweils auf Werte unter-30; aktuell sind es-22. Gleichzeitig hätten sich die Beschäftigungspläne zuletzt immerhin noch weniger stark verschlechtert als die Auftragslage. Auch dies zeige, dass die Firmen mit Personalabbau vergleichsweise vorsichtig umgingen.

Dazu dürfte einerseits beitragen, dass das aktuelle Konjunkturpaket II der Regierung eine leichtere Anwendung des Instruments Kurzarbeit vorsieht - wenn auch noch keine verlängerte Bezugsfrist. Andererseits haben speziell in der Industrie in den vergangenen Jahren viele Betriebe Beschäftigungspakte mit ihren Belegschaften und/oder der Gewerkschaft geschlossen. Dies betrifft nicht nur Autohersteller wie BMW, Daimler und VW, die zugesichert haben, bis 2011 oder länger keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Über die Metall- und Elektroindustrie hinweg gibt es nach Zahlen von Arbeitgebern und IG Metall zwischen 600 und 1 000 ähnliche Pakte, die befristete Jobgarantien enthalten. Diese bergen indes auch Zündstoff: Je stärker sich die Krise verschärft, desto mehr Firmen dürften Probleme bekommen, ihre Zusagen einzuhalten. Bei Daimler bahnt sich bereits ein Konflikt darüber an, ob die Geschäftsgrundlage des Pakts aus dem Jahr 2005 noch besteht. Das sei aber bisher ein Einzelfall, heißt es bei der IG Metall.

Immerhin hatten einige konjunkturelle Stimmungsindikatoren zuletzt Hoffnungen auf ein Ende der Rezession in der zweiten Jahreshälfte geweckt. Die DIHK-Umfrage relativiert diese aber gehörig: Bei den Investitionsplänen stürzte der Saldo aus positiven und negativen Antworten seit Herbst von-2 auf-25 Punkte ab. Bei den Exporterwartungen verzeichnet die Umfrage gar einen Einbruch von +14 auf-34 Punkte.

Dass die Erwartungen durchgängig noch zurückhaltender sind als die konkreten Pläne der Unternehmen, belegt laut DIHK vor allem eine "starke Verunsicherung". Hoffnungsgröße: Gesunkene Energiepreise und Leitzinsen sowie das jüngste Konjunkturpaket seien dabei wohl noch nicht voll eingepreist. Mit einem signifikanten Effekt der staatlichen Konjunkturhilfen rechnet das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH): Unterm Strich könnten sie zum Erhalt von 400 000 Arbeitsplätzen beitragen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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