Personaldiskussion
Union steht sich selbst im Weg

Zunächst war Paul Kirchhof so etwas wie die finanzpolitische Lichtgestalt der Republik. Doch urplötzlich wurde aus dem visionären Vordenker ein unliebsames Schreckgespenst, das ausgerechnet von Merkel-Widersacher Friedrich Merz vertieben werden soll. Die Union, so sieht es aus, ist sich im Wahlkampfendspurt selbst der größte Gegner.

HB BERLIN. Nach Meinung des Wahlforschers Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen könnte gerade die Festlegung, dass Paul Kirchhof auch Finanzminister werden soll, der entscheidende Fehler der Unions-Strategie gewesen sein. Dies habe zu der Unklarheit geführt, ob dessen radikale Reformpläne gelten oder das Wahlprogramm der Union.

Jung riet allerdings dazu, die jüngsten Umfragen mit Vorsicht zu genießen: "Das Rennen ist extrem offen." In den letzten drei Bundestagswahlen habe es immer am Schluss einen positiven Trend für die jeweilige Regierung gegeben. Diesmal habe die Aufholjagd "nur extrem spät begonnen, deshalb gab es eine etwas verfrühte große Siegeszuversicht im bürgerlichen Lager."

Im Umfeld von Angela Merkel will man keinen Zweifel am Kompetenzteam aufkommen lassen - trotz des wachsenden Drucks, Friedrich Merz in eine verantwortungsvolle Position zurückzuholen. Das Verhältnis des Westfalen zu Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel gilt seit Jahren als schwierig - Merz hatte sich daher zuletzt aus der ersten Reihe der Union zurückgezogen. Merkel stärkte so auch in einer ARD-Debatte Kirchhof erneut demonstrativ den Rücken. Der frühere Verfassungsrichter werde Bundesfinanzminister, "wenn es die Wähler erlauben", sagte die CDU-Vorsitzende.

Die einflussreichen Landesverbänden der Union pochen jedoch verstärkt auf ein Comeback von Merz. Der CDU-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, David McAllister, sagte dem Blatt: "Wir müssen noch deutlicher machen, dass nur eine Regierung aus CDU/CSU und FDP für eine fortschrittliche Wirtschaftspolitik aus einem Guss steht. Wir brauchen Friedrich Merz, an welcher Stelle auch immer - es gibt nicht viele Leute mit solchem Format."

"Wieso ist Merz nicht im Kompetenzteam?"

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder. Der CDU-Nachwuchs unterstütze aus voller Überzeugung die Forderung aus der Partei, Merz wieder in die erste Reihe zurückzuholen.

Auch der frühere Wahlkampfmanager der Union, Michael Spreng setzte sich für Merz ein. Er fragte im "RTL-Nachtjournal": "Wieso ist Merz nicht im Kompetenzteam? Eine Woche vor der Wahl ist von Paul Kirchhof kaum noch die Rede, stattdessen kommt Friedrich März wieder ins Gespräch. Dann hätte man den auch vor vier Wochen für das Amt des Finanzministers nominieren können." In derselben Sendung sagte der frühere SPD - Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig: "In der Tat, die Not ist groß in der Union. Deswegen muss Merkel ihren Intimfeind zurückholen."

Die Personalspekulationen treffen die Union in einem Moment größter Verunsicherung: In den vergangenen tagen sackte Schwarz-Gelb immer weiter in den Umfragen. Nach der jüngsten Forsa-Erhebung sind im Moment SPD, Grüne und Linkspartei mit zusammen 49 Prozent knapp in der Mehrheit. Die SPD konnte noch einmal um einen Prozentpunkt auf 35 Prozent zulegen, während die Union bei 42 Prozent verharrt. Die FDP kommt unverändert auf sechs Prozent, die Grünen auf sieben, die Linkspartei verliert einen Punkt und liegt jetzt ebenfalls bei sieben Prozent.

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