Personen des Jahres 2012
Der Steuerzahler – der tragische Held

Der deutsche Steuerzahler ist der wahre Held des Jahres 2012. Er ist keineswegs ein Wutbürger, er ist notgedrungen die Stütze unseres Staates. Er leidet, fast ohne zu klagen - und zahlt dem Fiskus so viel wie nie zuvor.
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DüsseldorfAnfang Januar wird Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verkünden, Deutschland habe einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Doch der Dank dafür gebührt nicht dem Finanzminister, sondern seinem Gegenüber: dem deutschen Steuerzahler. Es ist seine Hand, die gibt. Es ist sein Fleiß, der ihn dazu in die Lage versetzt.

Der deutsche Steuerzahler ist von allen Helden unseres Landes der stillste. Er flucht nur ganz leise vor sich hin, um dann sein Portemonnaie weit zu öffnen. Im ablaufenden Jahr überwies er rund 600 Milliarden Euro an den Fiskus - so viel Geld wie noch nie zuvor.

Damit ist das deutsche Steueraufkommen größer als die gesamte Wirtschaftsleistung des Ölförderlands Saudi-Arabien oder fast zehnmal so groß wie die Gewinne aller Dax-30-Konzerne zusammen.

Pro Kopf zahlt jeder Deutsche im Schnitt fast 7 500 Euro pro Jahr beziehungsweise 20 Euro pro Tag an das Finanzamt, egal ob Baby oder Greis, Manager oder Arbeitsloser. Eigentlich müsste der Steuerzahlerbund nicht einen, sondern 365 Tage zum "Tag des Steuerzahlers" erklären.

Schon die Demut der Interessenvertretung zeigt, dass wir es beim Steuerzahler mit einem Geber-Wesen zu tun haben. Dieses Wesen ist geduldig wie ein Schaf, fleißig wie eine Biene und mit der ausdauernden Zähigkeit einer Galapagos-Schildkröte ausgestattet. Niemand kann es am Geben hindern. Wer versucht hat, es aufzuwiegeln, wie Friedrich Merz und Paul Kirchhof, findet Gehör, aber keine Unterstützung.

Die Bundesregierung hat in einem Lebend-Experiment den deutschen Steuerzahler auf seine Leidensfähigkeit hin getestet. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Er ist in seiner stoischen Geberbereitschaft durch keine noch so dreiste Steuerneukreation zu erschüttern. Er zahlt die Alkopopsteuer genauso selbstredend wie die Zweitwohnungsteuer, er akzeptiert die Flugticketsteuer und bald auch noch eine Finanztransaktionssteuer. Die SPD in der ihr eigenen Keckheit will das Experiment im Wahlkampf auf die Spitze treiben und ruft zur Erhöhung von Erbschaft- und Einkommensteuer und zur Wiedereinführung der Vermögensteuer auf.

Kommentare zu " Personen des Jahres 2012: Der Steuerzahler – der tragische Held"

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  • Ein typischer Suggestivjournalismus der mit Halbwarheiten die Masse verblödet. Ich hätte diesen Beitrag als Einleitung noch akzeptiert wenn der Ausklang darauf hingewiesen hätte, wesshalb die Politik zur kreativen Geldschöpfung genötigt ist. Es ist eben nicht allein die überbordenden Sozialleistungen, sondern auch die Zwänge der Kapitalbedienung die unserem Staat von diversesten Interessengruppen in mühsamer Kleinarbeit aufgelastet wurden.

  • Dann noch die staatliche Wirtschaftspolitik mit ihren grandiosen Leistungen gehört doch längst in die Mottenkiste der Historie. Den Sozialstaat sollten die Bürger in eigener Regie verantworten, und dieses Auffanglager der Verwundeten des gnadenlosen Verdrängungswettbewerbs des Kapitalismus ist ein Skandal in einer freiheitlichen Ordnung: Es lockt solche Paradiesvögel auf den Plan, die den Leuten den Mund wässrig machen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert ausgerechnet mit 50% Mehrwertsteuer! Solche Erhöhungen traut sich nicht einmal der jetzige Finanzminister noch der möglicherweise zukünftige in der möglichen großen Koalition.

    Wo leben wir eigentlich?: In Absurdistan, wo der normale Menschenverstand den Kindern in der Schule und der Universität systematisch abgewöhnt wird, damit sie eben "echte Staatsdiener" bleiben.

    "Heil euch brave Karrenschieber,/Stets je länger, desto lieber!" zischte schon Nietzsche in ohnmächtiger Wut.

    Ein frohes Fest der Steuerbürger wünscht uns allen braven Menschen mit dem guten Willen

    Gerhardus Lang

  • Sehr geehrte Herren Steingart und Schrinner,

    Sie haben den Artikel sehr passend in der Weihnachtsausgabe platziert, sind doch die Eltern von Jesus auch der Steuererhebung wegen nach Bethlehem gereist, was man mit einer Volkszählung begründete, aber schon damals war die Steuererhebung das Wichtigste. Diese althergebrachte Sitte, die Obrigkeit von den Untertanen zum üppigen Unterhalt von dero Gnaden auszubeuten, hat sich einfach über die Zeiten erhalten. Noch immer betrachten wir den Staat als die Obrigkeit, die Gewalt über uns hat, obwohl doch schüchtern im Grundgesetz angedeutet wird, dass nun alle Staatsgewalt vom Volke ausgehen solle, weil wir doch eine Demokratie hätten. Aber das hat sich noch nicht herumgesprochen, so dass wir es einfach nicht glauben können, dass wir plötzlich für uns selbst sorgen sollen. "Wie war es doch vordem/ mit Heinzelmännchen so bequem!" heißt es im Märchen, und solche Bequemlichkeit wollen wir einfach nicht missen. Deshalb haben wir einfach unsere Stimme, die wir doch nun erheben können sollten, immer regelmässig abgegeben, um dann stimmlos zuzusehen, wie die von uns dadurch "Gewählten" wieder die Staatsgewalt (Macht genannt) intus hatten , um das alte Spielchen fortzusetzen. Da sitzen sie nun in den Plenarsälen. um das uns abgenommene Geld nach ihrem Gutdünken zu verteilen. Und wehe, wenn einer nicht wirklich mitspielt, dann hat die Obrigkeit schon immer ein schönes Arsenal von "Willensbeschleunigern" zur Hand gehabt, fein sorgfältig ausgesponnen, wie einst die Foltermethoden der Inquisition.

    Wenn wir uns nicht bequemen, den größten Teil der heute noch vom Staat betriebenen Einrichtungen nicht selbst zu erledigen, wird das kein Ende haben. Die Bahn und die Post, die hätte man ruhig weiter dem Staat überlassen können und nur den Beamtenstatus abschaffen. Aber Schule und Universität sind längst fällig fürs "outsourcing", das Gesundheitswesen desgleichen. Dann noch die staatliche Wirtschaftspolitik mit ihren grandiosen Leistungen gehö

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